20. Januar 2017

Starke Sätze aus den Achtzigern

Soeben mit viel Interesse und Begeisterung gelesen: Hansjörg Schneiders Wüstenwind. Es sind Notizen aus der Zeit von November 1982 bis April 1983, verfasst von dem damals 45-jährigen Autor. Die ehrlichen Texte geben dem Leser Einblick in das Seelenleben des in Basel lebenden Exil-Aargauers, zeigen seine Verletzbarkeit, wie er gegen seine Depression ankämpft, wie ihm die Kraft fehlt zu schreiben, wie er sich freut, wenn wieder eines seiner Theaterstücke zur Aufführung gelangt. Und selbstverständlich finden auch die politischen Umstände der Achtzigerjahre ihren Niederschlag. Von Waldsterben ist die Rede, von den Krawallen in den Städten Basel und Zürich. Der eher links stehende Schneider ist indes nicht mit allem einverstanden, was von Seiten der Autonomen kommt. Die differenzierte Betrachtungsweise der Sachlagen ist wohltuend, gerade in heutiger Zeit. Und dann schreibt Schneider Sätze in sein Notizheft, die ich so stark finde, dass ich ein paar davon gerne zitiere:

Dieser Nebel legt sich auf mein Gemüt. Ich bin Aargauer, und die Aargauer sind im November schwermütig. Die Schwermut kriecht aus der Aare und legt sich als nasser Nebel über die Menschen, die in der Nähe des Flusses leben. Das ist wie eine Sucht. Man will in einer Ecke hocken, in den Nebel starren und langsam in sich hineinsinken.

Einmal wieder über Land gehen und einen Nussbaum anschauen.
Einmal wieder im Gras liegen
Einmal wieder eine frühe Nuss aufklopfen, und ihr Kern schmeckt bitter.
Wieder einmal ans Leben glauben und daran, dass das, was man denkt, dem Tod eine Antwort gibt.

Ich lebe richtig, wenn ich schreibe. Wenn ich nicht schreibe, lebe ich falsch. Aber ich kann nicht immer schreiben, ich brauche auch Krisen. Ich brauche dieses falsche Leben, und ich brauche den November.

Wir leben wieder in einer Zeit, in der die dümmsten Menschen die Macht verlangen und sie vielleicht auch erhalten.

Wer Phantasie hat, gefährdet die Macht, und wir leben in einer Zeit, in der die etablierte Macht ausserordentlich intolerant sein muss, um sich im hereinbrechenden Chaos behaupten zu können.


18. Januar 2017

Laufen. Essen. Schlafen.

Christine Thürmer: Laufen. Essen. Schlafen.
Piper, München, 2016
Als Christine Thürmer gekündigt wird, beschliesst sie, sich eine Auszeit zu nehmen und auf dem Pacific Crest Trail von Mexiko nach Kanada zu wandern – 4277 Kilometer. Eigentlich unsportlich, bricht sie zu ihrem Abenteuer auf und schafft es tatsächlich bis ans Ziel. Und sie geht weiter, läuft den Continental Divide Trail und den Appalachian Trail. Aus der gewissenhaften Geschäftsfrau wird eine Langstreckenwanderin, die fast ununterbrochen draußen unterwegs ist – zu Fuss, per Fahrrad oder Boot. Anschaulich und humorvoll beschreibt Christine Thürmer die Geschichte ihrer inneren Suche, ihre Erlebnisse und landschaftlichen Eindrücke auf den drei grossen Trails Hiking Trails der USA und wie es ist, als Frau allein unterwegs zu sein.

Nichts deutet in ihrer Jugend darauf hin, dass Christine Thürmer einmal zu einem der meistgewanderten Menschen weltweit werden würde: In Sport ist sie die absolute Niete, und Wandern findet sie blöd. Stattdessen legt sie eine Bilderbuchkarriere hin und ist mit 39 Jahren Geschäftsführerin eines mittelständischen Betriebes – nur um mit 40 alles aufzugeben: den schicken Firmenwagen, die Sekretärin, ja sogar den festen Wohnsitz. Stattdessen geht sie 12. 700 Kilometer zu Fuss und lebt draußen im Zelt. Zwischen 2004 und 2008 läuft sie dreimal von Mexiko nach Kanada auf dem Pacific Crest Trail (4277 Kilometer), dem Continental Divide Trail (4900 Kilometer) und dem Appalachian Trail (3508 Kilometer). Für diese Leistung wird sie mit dem Triple Crown Award ausgezeichnet, den nur bekommt, wer alle drei Trails bewältigt hat, was zum damaligen Zeitpunkt lediglich 231 Wanderer geschafft haben. (Klappentexte)

Kurzweilig geschriebener Bericht, der bei jedem Fernwanderer die Sehnsucht nach derartigen Plänen weckt. Leider ist das Kapitel mit dem Appalachian Trail (immerhin 3500 km lang) mit 55 Seiten (bei insgesamt 288 Seiten) zu knapp ausgefallen. Wirklich treffend hingegen der Buchtitel. Viel mehr als über Laufen, Essen und Schlafen erfährt der Leser nicht. Da wirken die geschilderten Lebensumstände der Autorin gerade wohltuend auflockernd. Ein aufschlussreiches und sympathisches Interview, das Christine Thürmer dem NDR-Fernsehen gegeben hat, ist auf Youtube zu finden.

16. Januar 2017

Winterfernweh

Sympathischer Bschiss: Das berühmte Nordkap (rechts) ist nicht der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes. Knivskjelodden ist das wahre Nordkap und nur zu Fuss zu erreichen!


Mit regelmässiger Zuverlässigkeit packt mich des Winters das Wanderfieber. Nicht jenes Wandern, das ich so oder so Wochenende für Wochenende praktiziere. Es sind jeweils grössere Ideen, die ich mit mir herumtrage. Wanderprojekte, die sich meist im Ausland abspielen, dann aber doch nicht realisiert werden. Vergangenen Winter fasste ich den Gang ans Nordkap Norwegens ins Auge. Ermutigt durch mehrere Reiseberichte, die von der Durchquerung Deutschlands der Länge nach erzählen. Motiviert aber auch von zwei Büchern, die sich mit der Begehung Norwegens von Süden nach Norden befassen.

In der Tat machte ich mich dann am Karfreitag 2016 von meinem Wohnort auf Richtung Norden. In sieben Etappen habe ich es immerhin bis nach Basel geschafft. Dann verliess mich des unpassenden Sommer- und Herbstwetters wegen vorübergehend der Mut, die Fortsetzung, den Westweg durch den Schwarzwald, in Angriff zu nehmen. Und nun, wo wir wieder Winter haben, träumt es mir weiter. Weiter vom Weg nach Norden. Ich sehe mich im Frühling vom Basler SBB-Bahnhof loswandern, durch die Stadt und über den Rhein, über die Grenze bei Lörrach, durch die Reben Südbadens, in den Schwarzwald hinein, mit Zelt, Schlafsack, Isomatte und Kocher, um am Ende dem Nordkap eine Woche näher zu sein; dem wirklichen Nordkap notabene, nicht dem touristischen. Denn, das berühmte Nordkap stellt nicht den nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes dar. Dieser liegt etwas westlich davon und ist nur zu Fuss zu erreichen. Wer Tausende von Kilometern durch Mittel- und Nordeuropa geht, will sich doch am Ende nicht mit einer Horde motorisierter Halbschuhtouristen wiederfinden. Ich auf jeden Fall nicht.

15. Januar 2017

Seeland im Schnee

Grün der Korridor dies- und jenseits der Koordinate 574. Rot die Route.
Die 6. Etappe meines Projektes «Die Koordinate» führt mich heute von Ins nach Murten. Und wenn im Seeland schon mal Schnee liegt, dann nichts wie los! Fünf Zentimeter Pulver und Winter ist. Diese Rarität gilt es zu zelebrieren. Wie bereits bei der letzten Etappe muss ich mich, was die Route anbelangt, mit einem Kompromiss zufrieden geben. Bei Sugiez verlasse ich den Korridor der Koordinate 574 und durchquere östlich davon den Staatswald, das sogenannte Chablais. Hier, so lehrt mich eine Infotafel, wurden einst ausschliesslich Pappeln zur Herstellung von Kisten angepflanzt. Die Monokultur wirkte sich äusserst nachteilig auf die Fauna aus, fehlte es den Tieren doch, wie bei einem natürlichen Wald üblich, an Rückzugsmöglichkeiten. Zum Glück hat der Mensch aus diesem Anbaufehler gelernt, die Pappelkultur aufgegeben und tierfreundlicheres Gehölz gesetzt.

Doch doch, diese Flachwanderung im Schnee hat mir gut gefallen. Es braucht nicht immer die Berge, um ein Wintergefühl zu erzeugen.

Am Broyekanal bei der Rotary-Brücke.

Blick vom Chablais über den Murtensee zum Mont Vully.

Türkiye, Hürriyet, Habertürk?



Im Gegensatz zur gestern präsentierten Sitzbank aus Transportpaletten, ist dieses Exemplar hier, mit Ausnahme der Farbgebung vielleicht, gut schweizerischer Bänklidurchschnitt. Für einmal dient die Sitzgelegenheit jedoch bloss als – so unlogisch es klingt – Vehikel. Bei genauer Betrachtung der Plakette am oberen Bildrand, entdecken wir ein geschmeidiges Wort: «Üdiker».

«Üdiker», so nennen sich die Einwohner der Zürcher Gemeinde Uitikon an der Nordwestabdachung des Uetlibergs nahe Schlierens. Was wie ein Türkischer Zeitungstitel klingt, ist also der adjektivische Beiname von gut 4100 Menschen in der Agglomeration Zürichs. Der mundartliche Name «Üdike» war 1951 sogar Thema an einer Gemeindeversammlung. Obschon Uitikon phonetisch ähnlich klingt wie Witikon oder Uetikon, entschieden sich die Üdiker für die Beibehaltung ihres Ortsnamens. Gut so!

Und weil ich mich nicht mit fremden Federn schmücken will, danke ich an dieser Stelle Marianne Jeker für die Zusendung der Bilder, die meine Recherchen erst ausgelöst haben.


14. Januar 2017

Die Palette scheint endlos



Die Bänklivielfalt nimmt kein Ende! Neustes Exemplar in meiner Sammlung: die rezyklierte Palette vom Hochmoor bei Rothenthurm. Das exquisite und mit rustikaler Innovationskraft geschaffene Teil steht auf der Zuger Seite des Moors, exakt an meiner Umrundungsroute des Kantons Zug. Ob es sich darauf auch gut sitzen lässt, entzieht sich meiner Kenntnis. Für einmal lockte das schöne Wetter zum Weitermarsch anstatt zur Rast.

13. Januar 2017

Das Klo des Monats


Auf dem Campingplatz im Gwatt, Gemeinde Thun, gibt es für das kleine Geschäft der männlichen Spezies eine klare Signalisation. Kein mühsames Durchfragen, kein peinliches Von-einem-Bein-auf-das-andere-Treten, wenn die Blase mal arg drückt. Und auch keine Versuchung, den Thunersee als ...

Ein wenig aussergewöhnlich sind dagegen die Pissoirs. Hier schwingen die 1970er-Jahre auf eine prickelnde Art und Weise mit. Und sollten die Pissboxen tatsächlich aus jener Dekade stammen, Mann, dann haben sie sich verdammt gut gehalten.


12. Januar 2017

Wer ist Karl der Kühle?



«Endlich wieder einmal ein Bänkli», werden die einen denken. «Ach, schon wieder ein Bänkli, hört das denn nie auf?», die anderen. Der erste Gedanke ist hiermit Tatsache. Und nein, so lange ich lebe, werde ich mich der Ruhe- und Sitzbank in all ihren Facetten widmen. Dasselbe gilt übrigens auch für Aborte, doch davon morgen mehr!

Wer nun aber ist dieser Karl, der sich im zugerisch-schwyzerischen Schornen ein praktisches Denkmal gesetzt hat und dazu erst noch, so er denn sitzt, den Blick auf das Schlachtgelände des Morgartens von anno 1315 geniesst. Ich weiss es leider nicht, gehe aber davon aus, dass es ein cooler Typ sein muss, dieser Karl.

11. Januar 2017

Auschwitz aus der Sicht zweier Knaben

John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama,
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2007
Der neunjährige Bruno weiss nichts von der Endlösung oder dem Holocaust. Er ist unberührt von den entsetzlichen Grausamkeiten, die sein Land dem europäischen Volk zufügt. Er weiss nur, dass man ihn von seinem gemütlichen Zuhause in Berlin in ein Haus verpflanzt hat, das in einer öden Gegend liegt, in der er nichts unternehmen kann und keiner mit ihm spielt. Bis er Schmuel kennenlernt, einen Jungen, der ein seltsam ähnliches Dasein auf der anderen Seite des angrenzenden Drahtzauns fristet und der, wie alle Menschen dort, einen gestreiften Pyjama trägt. Durch die Freundschaft mit Schmuel werden Bruno, dem unschuldigen Jungen, mit der Zeit die Augen geöffnet. Und während er erforscht, wovon er unwissentlich ein Teil ist, gerät er unvermeidlich in die Fänge des schrecklichen Geschehens. Inhaltsangabe zum Buch

Bewegender und sehr einfühlsam geschriebener Text, der ein Thema aufgreift, das in der heutigen Zeit in den Köpfen gewisser Menschen dringend in Erinnerung gerufen werden sollte.

John Boyne wurde 1971 in Dublin, Irland, geboren, wo er auch heute lebt. Er ist der Autor von vierzehn Romanen, darunter Der Junge im gestreiften Pyjama, der sich weltweit sechs Millionen Mal verkaufte, zahlreiche internationale Buchpreise gewann und mit grossem Erfolg verfilmt wurde. John Boynes Romane wurden in über vierzig Sprachen übersetzt.

Der Junge mit dem gestreiften Pyjama wurde mehrfach ausgezeichnet:

  • Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2008 (Jugendjury)
  • Buch des Monats Dezember 2007 der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V., Volkach
  • Empfehlungsliste des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises 2008
  • Ausgezeichnet als Penguin Orange Readers’ Group Book of the Year 2009
  • Ausgezeichnet mit dem Irish Book Award: Bestes Kinderbuch des Jahres
  • Ausgezeichnet mit dem Listener's Choice Book of the Year: Bestes Hörbuch des Jahres (UK)
  • Nominiert für die Carnegie Medal (UK)
  • Nominiert für den Ottakar's Book Prize (UK)
  • Nominiert für den Paolo Ungari Prize (Italien)

8. Januar 2017

Um den Sempachersee herum

–8 Grad Celsius in Sursee. Zieht dem Mann wenigstens einen Pyjama an!


Gestern, Wanderung rund um den Sempachersee. Start in Sursee. Ziel in Sursee. Antizyklische Gehrichtung. 1 Toter Igel, Autobahnlärm, viele Züge, menschliche Knochen und Schädel im Beinhaus von Chilchbüel. Wohnarchitektur zum Heulen. 1 Café Creme und 1 halber Apfelkuchen ohne Sahne im Adler Sempach, 2 Eichhofs im Stadtcafé von Sursee. 2 Sandwiches, 2 Schmelzbrötli, 3 Ricola Bonbons (Bergminze), 1 Banane, Zitronensirup, Schwarztee, 2 Begleiterinnen, 1 Begleiter. –8 bis –4° Celsius. Hochnebel. Was noch? Nichts. Repräsentative Momentaufnahmen dieser Winterwanderung gibt es hier.

31. Dezember 2016

Mein Blick zurück

Im Frühjahr 2016 startete ich mein Langzeitprojekt «Nordwärts»: Zu Fuss von Burgistein ans Nordkap!

Mein fussgängerischer Jahresrückblick besteht ausschliesslich aus positiven Meldungen: 79 sind es an der Zahl. Allen ein frohes Jahresende, geht mal nach draussen und wandert ein bisschen. Es lohnt sich!

Huttwil - Fritzenflue - Luthern
 Büro - Zollhaus
 Kleindietwil - Dürrenroth - Sumiswald
 Leimbach - Uto Kulm - Triemli
 Wichtrach - Oppligen - Heimberg
 Riedtwil - Bleuen - Kleindietwil
 Laufenburg - Cheisacherturm - Brugg
 Romanshorn - Amriswil - Muolen
 Lyss - Wengi - Schüpfen
 Lichtensteig - Köbelisberg - Brunnadern
 Muolen - Roggwil - Rorschach
 Zollikofen - Lindenthal - Vechigen
 Burgistein - Belp - Worb
 Le Landeron - Schernelz - Tüscherz
 Schmerikon - Kaltbrunn - Ziegelbrücke
 La Roche - Arconciel - Marly
 Thun Camping - Gwattegg - Thun Mösli
 Worb - Krauchtal - Schönbühl
 Schönbühl - Bätterkinden - Solothurn
 Thun Arena - Buchholz
 Solothurn - Hinter Weissenstein - Corcelles
 Büro - Thun Camping
 Deltapark (Gwattzentrum) - Seewinkel
 Ins - Erlach - St. Petersinsel
 Moskau - Stein am Rhein - Steckborn
 Corcelles - Vermes - Courchapoix
 Courchapoix - Welschgätterli - Zwingen
 Zwingen - Witterswil - Basel
 Sagno - Monte Bisbino - Muggio
 Muggio - Pianspessa - Mendrisio
 Sagno - Grenzstein 75 B - Stabio
 Sagno - Bruzella - Cabbio
 Brodhüsi - Obers Heiti - Oey
 Büro - Thun Bahnhof
 Grellingen - Meltingen - Büsserach
 Büro - Strättligenplatz
 Langenthal - Wolfwil - Murgenthal
 Rorschach - Rheineck - Rorschach
 Büro - Seewinkel
 Winterthur - Brütten - Dietlikon
 Lenk - Bummerenpass - Lenk
 Obermaad - Wendenalp
 Wendenalp - Alpiglen - Nessental
 Zürich HB - Stettbach - Kloten
 Köniz - Oberwangen - Neuenegg
 Jaunpass - Abländschen - Schönried
 Scuol - Sent
 Sent - Vnà - Martina
 Samnaun - Ravaisch
 Sent - Zuort - Sinestra
 Olten - Läufelfingen - Sommerau
 Mürren - Sefinental - Stechelberg
 Oeschseite - Rinderberg - Saanenmöser
 Belp Vehweid - Belpberg -Toffen
 Burgdorf - Bütikofen - Wynigen
 Kiental - Gorneren - Kiental
 Grotte de la Cascade (Môtiers)
 Niederrickenbach - Bristen - St. Jakob
 Renan - Les Savagnières - St-Imier
 Dietfurt - Oberhelfenschwil - Bazenheid
 Mattmark - Saas Fee - Saas Balen
 Burgdorf Steinhof - Lützelflüh - Zollbrück
 Grande Dixence - Pas de Meina - Evolène
 Evolène - St-Martin - Sion
 Thayngen - Büttenhard - Schaffhausen
 Büro - Thun Bahnhof
 Vernayaz - Salvan - Finhaut
 La Cibourg - La Chaux-d'Abel - St-Imier
 Simplon Hospiz - Simplon Dorf - Gono
 Lüderenalp - Schynen - Trub
 Wil - Balterswil - Aadorf
 Vernayaz - Evionnaz - St-Maurice
 St-Maurice - Choëx - Val d'Illiez
 Buus - Wenslingen - Buckten
 Cortébert - Métarie du Millieu de Bienne - La Neuveville
 Aadorf - Matzingen - Frauenfeld
 La Neuveville - Erlach - Ins
 Zäziwil - Schlosswil - Münsingen
Walchwil - Rossberg - Morgarten

29. Dezember 2016

Tauschbibliotheken – eine gute Sache!


Seit ein paar Jahren gibt es in der Schweiz in verschiedenen Städten sogenannte Tauschbibliotheken. An öffentlichen Plätzen – meist im Freien – sind Büchern bestückte Vitrinen aufgesteltt. Wer ein oder zwei Titel daraus haben möchte, bringt ein oder zwei Bücher mit und tauscht sie um. Eine tolle Idee! Ich bin bislang dank dieser Einrichtung zu wirklich toller Literatur gekommen. Gleichzeitig habe ich mich von Büchern getrennt, die weniger meinem Geschmack entsprechen, vielleicht aber eine andere Person glücklich machen. Eine klassische Win-Win-Situation also.

Heute bin ich wieder einmal fündig geworden und habe ein sensationell schönes und interessantes Wanderbuch eingetauscht. Es ist zwar bereits 1987 erschienen, doch die Idee, die Aufmachung und der Bildungswert finde ich nach wie vor bemerkenswert. Dieter Planck und Willi Beck haben einen Wanderführer zum Limes in Südwestdeutschland verfasst. Das Buch beschreibt nicht nur minutiös den Verlauf dieser römischen Grenzbefestigung sondern auch die ausgegrabenen Bauten und Relikte aus jener Zeit. Und obendrein enthält das Werk eine topografische Karte im Massstab 1:50.000, die den genauen Limesverlauf sowie die Lage aller römischer Baudenkmäler enthält. Selbstverständlich erklärt ein einleitendes Kapitel die Geschichte dieses grössten Bodendenkmals in Mitteleuropa mit seinen insgesamt 500 km Länge.

Dem unbekannten Tauscher sei hiermit herzlich gedankt, nicht zuletzt deshalb, weil das Buch wie neu ausschaut!

28. Dezember 2016

Publizistischer Jahresrückblick mit Vorschau

Das Jahr 2016 brachte zwei wesentliche Veränderungen: 1. schrieb ich keine Artikel mehr für Zeitungen oder Zeitschriften. 2. begann ich mit der Veröffentlichung von Büchern anderer Autoren. Den Anfang machten hierbei die «Wanderungen nach und in Graubünden» des völlig unbekannten Julius Albert. Der Reisebeschrieb stammt aus dem Jahr 1856 und dokumentiert auf beeindruckende Weise, wie es damals um den Tourismus in der Schweiz bestellt war. Fortgesetzt wurde die Reihe historischer Schriften mit Abraham E. Fröhlichs Erzählung «Der Brand in Glarus», gefolgt von Fridtjof Nansens «Im Eise begraben/Abenteuerlust».

Die Edition Wanderwerk nahm 2016 mit den ersten drei Ausgaben der historischen Reihe Fahrt auf.

Das Eintauchen in längst vergangene Tage begann mich mehr und mehr zu faszinieren, weshalb ich  die Herausgabe weiterer Texte aus der Zeit vor 1920 beschloss. Ende September erblickte dann Ernst Walter Trojans «Wanderkunst Lebenskunst» nach 1910 zum zweiten Mal das Licht der Welt. Das handliche Büchlein ist ein Muss für Menschen, denen entschleunigtes Reisen am Herzen liegt.

Anderthalb Jahre lang bestimmte die
Erschaffung dieses Wanderführers meine
Freizeit. Und noch fehlt jegliches Honorar.
Unbestrittenes Glanzlicht war indes die Publikation des von mir verfassten Wanderführers «Rund um Zürich», der Ende Juni im Bergverlag Rother, München, erschienen ist. Anderthalb Jahre habe ich dafür gearbeitet und dabei zwischen Gotthard und Rheinfall insgesamt 1000 Kilometer zu Fuss zurückgelegt. Dass sich mit Thomas Widmer vom Tages-Anzeiger ein namhafter Journalist über mich und das Werk in Form eines Interviews annahm, hat mich besonders gefreut.

Weil die 1. Auflage meines Wanderlesebuches «Aargau rundum» vergriffen war, habe ich mich für eine neue Auflage entschieden. Diese in gewohnter Form zu drucken, war mir zu bescheiden, weshalb ich das Buch komplett überarbeitete und sowohl mit neuen Texten als auch mit farbigen Fotos versah. Herausgekommen ist ein lesenswertes Buch, das uns den Kanton Aargau und seine Nachbarn auf sympathische Weise näher bringt.
Für 2017 ist die Herausgabe weiterer Texte aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert geplant. Aus Anlass des 175. Geburtstags des Berner Journalisten, Schriftstellers und Theaterautors, Josef Viktor Widmann, erscheint am 20. Februar der ersten von drei Bänden. «Du schöne Welt» nennt es sich und enthält neun Reiseberichte des Autors von Fahrten nach Italien und der Schweiz. Die Erzählung «Wilds Hochzeitsreise» und der Reiseroman «Rektor Müslins italienische Reise» erscheinen im Sommer bzw. Herbst. Aus meiner Feder werden erst 2018 wieder Bücher entstehen. Ich werde das kommende Jahr intensiv für die Recherchen vor Ort nutzen und in gewohnter und ungewohnter Manier darüber berichten. Man beachte bitte die Website der Edition Wanderwerk, denn, liebe Leserin, lieber Leser, die Bücher können gekauft und gelesen werden!

«Wanderkunst Lebenskunst» erschien über 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung, «Aargau rundum» liegt nun bereits in der 2. komplett überarbeiteten Fassung vor und Josef Viktor Widmanns «Du schöne Welt» erscheint am 20. Februar 2017.

27. Dezember 2016

Fussgänger an die Leine!

Schloss Wyl in Schlosswil (BE) an einem beinahe schon frühlingshaften Stephanstag.

Gestern. Wanderung von Zäziwil nach Münsingen. Vom Emmental ins Aaretal. Am Schatten kalt und glatt. An der Sonne wohlig und trocken. En Route drei Schlösser. Zwei direkt am Weg (Schloss Wyl und Münsingen), eines in der Ferne (Worb). Pausenhalt beim Schloss Wyl, dem ehemaligen Sitz des Regierungsstatthalters des Amtes Konolfingen. Das Anwesen gehört seit 2011 – ein Jahr nachdem der Amtsbezirk aufgehoben worden ist – Matthias Steinmann bzw. seiner Firma Berakom. Die Steinmann Stiftung Schloss Wyl haucht seither dem historischen Gebäude neues Leben ein. Es kann unter anderem für private Anlässe gemietet werden. Neudeutsch z.B. «zum Heirätlen, Aperölen, Geburtstäglen, Businessmeetlen, Sitzunglen, Weihnächtelen, Dinierelen, Phantasilen» usw.

Der südliche Zugang zum Schloss Wyl.


Doch das Beste kommt, wie meist, zum Schluss. Der einst als barocker Park konzipierte Umschwung ist gemäss Infotafel nur für «Fussgänger und Hunde an der Leine!» zugänglich. Mir scheint, da hat das Mittelalter aber brutal durchgeschlagen.




26. Dezember 2016

Von Danzig bis nach Istanbul

Jason Goodwin: Von Danzig bis nach
Istanbul: Piper, München, 2008
«Auf unserer Wanderung haben Kate und ich jeden Tag miteinander geredet, undefinierbare Mahlzeiten geteilt und uns wochenlang nicht die Haare gewaschen. Wir sind gelaufen, bis unsere Schuhe auseinanderfielen. Und am Ende haben wir geheiratet.» Jason Goodwin und seine zukünftige Frau gingen nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs von Danzig bis zum Goldenen Horn. Sie kamen durch Polen und die Tschechoslowakei, zogen über die Hohe Tatra nach Ungarn, Siebenbürgen, Rumänien und Bulgarien. Sie durchquerten endlose Sonnenblumenfelder, Flussauen und die Karpaten. Sie gingen mit Mönchen schwimmen, begegneten neugierigen Kindern, verblüfften Dorfbewohnern und müden Bauern. Sie wanderten untrainiert, aber voller Ambitionen und folgten einer Landkarte, die es heute schon nicht mehr gibt. (Klappentext)

25. Dezember 2016

Im Röstigraben haust der Biber

Gleich zu Beginn der fünften Etappe meines Projektes «Die Koordinate» erwartet mich in La Neuveville ein auffrischender Nordwestwind. Hochnebel und düster das Licht. Nichts Neues im Vergleich zum Ende der letzten Etappe. Der Jurasüdfuss bleibt im Winterhalbjahr eine meteorologische Tristesse.

Am Yachthafen machen die letzten Kapitäne ihre Schiffe winterdicht. Und wie immer um diese Tageszeit bevölkern Hundehalter Strassen und Wege. Entlang von Autobahn und Eisenbahn strebe ich der Nordwestecke des Bielersees zu. Ein wüster Strassenviadukt zwängt sich durch Wohn- und Freizeitgebiete. Das Rauschen der vorbeifahrenden Autos ist trotz Lärmschutzwänden gut zu hören. Auf dem See schwimmen Hunderte von Enten. Am Horizont die Silhouette der St. Petersinsel und dem Städtchen Erlach. Auf ein Uferwäldchen folgt der nächste Yachthafen. Am nahen Zihlkanal frischer Biberfrass. Der Nager muss neu sein in der Gegend. Ein einziger Baum hat er sich bislang vorgenommen.

Mittlerweile habe ich den Zwei-Kilometer-Korridor verlassen. Die Binnenschifffahrtsverordnung lässt es leider nicht zu, den See mit einem Schlauchboot zu überqueren. Für einen Kilometer folge ich dem Kanal stromaufwärts, den steifen Wind nun von vorn. Die Justizvollzugsanstalt St. Johannsen rückt ins Blickfeld. Auf der Website des Kantons Bern lese ich zu Hause mit mulmigem Gefühl: «Willkommen in der Justizvollzugsanstalt St. Johannsen». Nach dem per Ende Oktober 2016 geschlossenen Jugenheim Prêles, ist dies die zweite Institution für aus der Norm gefallene Menschen, der ich begegne. Weitere Nachforschungen führen mich auf eine Website, die über das Museum St. Johannsen informiert:

«Im Jahr 1096 wurde auf dem Gebiet zwischen der Zihlbrücke, Erlach und Le Landeron die Benediktinerabtei St. Johannsen gegründet. Von 1528–1798 wurde die Abtei zum bernischen Landvogteisitz und diente ab 1883 als Strafanstalt für Männer und Frauen. Seit 1911 wird St. Johannsen als kantonales Massnahmenzentrum für Männer geführt. Die bewegte Geschichte der Anlage ist nicht ohne Spuren an ihr vorbeigezogen. Im historischen Teil des Zentrums wurde jedoch viel bewahrt. Im dort eingerichteten Museum werden Funde aus zahlreichen Ausgrabungen beherbergt. Hunderte von romanischen und gotischen Werkstücken sowie eine reiche Plan- und Bilddokumentation geben Einblick in das Bauwesen des Mittelalters.  Wer sich für das Bauwesen der romanischen und gotischen Epoche interessiert, ist hier am richtigen Ort.» Das Museum ist indes nur für Gruppen und auf Voranmeldung zugänglich.

Grün die Begrenzung des Zwei-Kilometer-Korridors. In der Mitte die Koordinate 574, der ich vom Pruntruter Zipfel bis ins Unterwallis folge.


Mit der Überquerung des Zihlkanals verlasse ich für den Rest dieser Etappe das französische Sprachgebiet, wechsle also über den vielzitierten Röstigraben in die Deutsschweiz. Kurz vor Erreichen des Bielersees hat mich mein Korridor wieder. Und beim Campingplatz von Erlach treffe ich auf die Koordinate 574, den roten Faden dieses Wanderprojektes. In Erlach ist dieses Jahr die 1962 gegründete Band Status Quo aufgetreten. Wenige Stunden nach meiner Erlacher Passage berichten die Medien, dass Rick Parfitt, der blondhaarige Gitarrist der Band, heute im Alter von 68 Jahren an einer Infektion gestorben ist.

Das im Sommer betriebsame Erlach ist wie ausgestorben. In einer Zick-Zack-Linie rücke ich in südlicher Richtung vor. Am Horizont sehe ich noch einmal die markante Silhouette des alten Ortsteils von Erlach mit dem Schloss. Leicht ansteigend nähere ich mich dem Aussichtspunkt St. Jodel. Ausgerechnet hier, auf dem höchsten Punkt der alten Strassen Ins–Erlach und Ins–Lüscherz–Biel, bläst der Wind am stärksten. Ums Jodeln ist mir also nicht zu Mute. Dafür erfahre ich, dass hier einst eine Wegkapelle stand, die an Theodorus aus Octodurus (Martigny) erinnerte, den ersten historisch fassbaren Bischof von Sion. Aus dem Namen Teodorus war Theodul geworden. Letzterer nennt man auch Joder oder eben Jodel. St. Jodel diente bis zum Ende des Alten Bern auch als Hochwacht. Der sogenannte «Chutz» wurde um 1800 entfernt.

In den Alpen herrscht noch Föhn, weshalb ich für einen kurzen Moment die Berner und Freiburger Voralpen sehe, ehe ich nach Ins gelange. Imposant die Kirchenanlage, vor allem weil sich das Pfarrhaus mitsamt den dazugehörigen Nebengebäuden mächtiger gibt als die eher bescheidene Kirche mit ihrem niedrigen Turm. Im Gotteshaus ist alles vorbereitet für den Weihnachtsgottesdienst. Beim Ausgang nehme ich mir «Ds Lukas-Evangelium bärndütsch». Das Büchlein ziert ein sitzender Junge. Gezeichnet hat ihn Albert Anker, der wohl berühmteste Inser aller Zeiten.

24. Dezember 2016

Alpöhi trifft auf Gletschermumie


Vergangenen Sommer küsste mich wieder einmal die Fantasie der Skihüttenbetreiber. Ich war indes weder im Südtirol noch im Tirol unterwegs. Diese Ötzibar fand ich am Metschberg im Skigebiet der Lenk. Abgesehen davon, dass sich die Örtlichkeit im Sommer mit seinem überdimensionierten Teerplatz nicht nur potthässlich gibt; dem Wanderer bleibt einzig das Studium der an der Fassade angeschlagenen Getränkekarte. Und die nimmt sich nicht weniger fantasievoll aus, als der Name dieses Pistenrestaurants.

Wir mögen uns über japanische Touristen lustig machen, die im Sommer bei 30 Grad am Schatten in Luzern ein Fondue essen, aber wie steht es um unsere Gastronomen in Sachen Ötzikult?

23. Dezember 2016

Klo des Monats

Zentrum Paul Klee, Bern

Seit nunmehr fünf Jahren fotografiere ich regelmässig Toiletten. Es gibt Menschen, die finden das anstössig, unpassend, daneben. Es konnte mir bislang niemand dieser Leute erklären, weshalb sie damit ein Problem haben. Die Fotos dokumentieren die Örtchen jeweils auf nüchterne Art. Immer ohne Menschen, denn es geht nicht um Voyeurismus. Manchmal lässt es sich nicht anders einrichten, so dass man mich auf einem Spiegel sieht, wie das Bild oben verdeutlicht. Kenner der Freud'schen Lehre mögen an mir vielleicht einen analen Komplex oder sonst einen zwanghaften Drang erkennen. Mir egal, denn es geht mir um Folgendes:

Toiletten sind in erster Linie innenarchitektonische Werke. Eine biologisch notwendige Einrichtung, in der wir uns in der Regel so kurz wie möglich aufhalten. Eine ganzer Wirtschaftszweig widmet sich der Herstellung und Ausstattung von Toiletten, ein anderer deren Reinigung und Unterhalt. Hunderttausende von Menschen weltweit verdienen ihr Brot mit der Reinigung von Gebäuden und somit auch von Toiletten. Was mich bei all dem interessiert: Wie gestaltet der Mensch das stille Örtchen? Welchen Stellenwert misst er ihm bei? Landauf, landab gilt das WC als Visitenkarte; sei es im privaten, halböffentlichen oder öffentlichen Bereich. Eine saubere und gestylte Toilette sagt ebenso viel über Besitzer, Betreiber und Nutzer aus, wie eine verlottert-unappetitliche.

Mit anderen Worten: Der Abort ist ein Kulturgut! Je schöner und sauberer, umso wohler fühle ich mich als dessen Benutzer. Die Toilette ist aber für viele auch ein Tabu, wie ich eingangs erwähnt habe. Dieses Tabu zu brechen ist mir ein Anliegen.