18. August 2017

Striptease der Mittagszähne


Alleine dies war die Reise ins Val d'Illiez im Unterwallis wert: Wie sich die Dents du Midi den Wolken entledigten – oder umgekehrt. Wir gingen vom Dorf Val d'Illiez auf der linken Talseite hoch über Champéry weiter talaufwärts, um dann irgendwann links abdrehend nach Champéry abzusteigen. Gegenüber hatten wir besagte Dents du Midi (dt. «die Mittagszähne»), die im Zehn-Sekunden-Takt ihr Antliz änderten. Schliesslich entledigten sie sich bis zum Nachmittag der Wolken komplett, was mir indes weit weniger gut gefiel, als das unglaubliche Wechselspiel zuvor. Wie das vonstatten ging, dokumentieren 13 weitere Fotos, die es hier zu sehen gibt.

18. August

1984  Bodio – Bocchetta di Rierna – Alpe Lignasc
1986  Lago del Naret – Faed
1989  Septimerpass – St. Moritz Bad
1990  Eggenberg – Üssers Senntum
1993  Glen Nevis – Ben Nevis NE-Seite (GB)
1995  Grimsel Hospiz – Handegg
1996  Nante – Rifugio Garzonera
2000  Oberaarjochhütte – Finsteraarhornhütte
2007  Wolfsschlucht – Bellihütte – Mervelier

1986: Bei Bolla in der Valle di Peccia (TI)

17. August 2017

Im Frühling im Schaufenster

Melinda Nadj Abonji:
Im Schaufenster im Frühling,
Jung und Jung, Salzburg/Wien,
2011
Es geht um Luisa. Sie ist wie die anderen Kinder, aber aufmerksamer. In ihrer Welt muss man Acht geben. Manches klingt wie ein Märchen, aber es ist kein lustiges Märchen. Die Jahre vergehen: Erst ist Luisa ein kleines Mädchen, dann ist sie ein Mädchen und dann, ja, was ist sie dann? Dann ist sie älter geworden, eine junge Frau, sie lebt in Wien, hat eine Freundin, die Valerie heisst, und sie hat Frank kennengelernt. Frank verschafft Luisa das, was er Annehmlichkeiten nennt, aber Luisa begreift, dass es gut ist, auch bei Frank Acht zu geben. Luisa kannte Bernhard, Nik und Ziegler und auch ihren Vater und Herrn Fotti, und in ihrem Kopf reden alle mit und mischen sich ein, aber dann überrascht Frank sie doch. Man kann eben nicht genug Acht geben im Leben. Erst findet sie seltsame Fotos, dann eine Waffe, und dann findet sie heraus, dass Valerie Frank kennt und Frank Valerie. Was Luisa gelernt hat, am Ende? Noch lange nicht genug: «Ich trage die falschen Schuhe, sagte Luisa, überall lag Schnee.»

Melinda Nadj Abonji erzählt eine Geschichte vom allmählichen Erwachsenwerden mit eindringlichen Szenen und vielen Taktwechseln. Es ist eine Geschichte der Überraschungen, Verletzungen und einer Ahnung vom Glück.

A: Wien

17. August

1986  Val Corno – Lago del Naret
1989  Juf – Mulegns / Bivio – Septimerpass
1995  Obersts Seewji – Grimsel Hospiz
2000  Oberaarsee – Oberaarjochhütte
2008  Lanzenhäusern – Zirkelsgraben – Laupen
2013  Bellelay – Sornetan – Montagne de Moutier – Moutier
2014  Richisau – Saaspass – Unteriberg

2008: Im Weiler Grenchen (FR)

16. August 2017

Kalte Asche

Simon Beckett: Kalte Asche, Rowohlt,
Reinbeck, 2007. Der Umschlag stammt von
der schönen Sonderausgabe von 2011.
Asche ist alles, was von ihr übrig geblieben ist. Fast alles. Als der Rechtsmediziner David Hunter die Überreste der Frau in einem verfallenen Cottage auf der schottischen Insel Runa zum ersten Mal erblickt, weiss er sofort: Dieser Tod war kein Unfall. Er will seine Erkenntnisse dem Superintendenten mitteilen, doch die Leitung bleibt tot. Ein Sturm hat die Insel von der Aussenwelt abgeschnitten. Da geschieht ein weiterer Mord. (Klappentext)

Das Beste an dieser Geschichte finde ich den Schauplatz. Plott und Sprache wirken trivial. Von einem Bestsellerautor hätte ich mehr erwartet. Und: Ein Thriller wird nicht zwingend spannender, je mehr Morde geschehen.

GB: Flughafen Glasgow, Grampian Mountains, Stornoway, Runa (fiktive Insel der Äusseren Hebriden und Hauptschauplatz)

16. August

1986  Ulrichen – Val Corno
1989  Val Maroz – Juf
1991  Crest Lentgas – Vrin
1993  Crianlarich – Benmore Glen – Crianlarich (GB)
2012  Steffisburg – Uetendorf Allmend – Burgistein

15. August 2017

Der Niesen im Berner Oberlande

Eine Reiseskizze
von Dr. H., erschienen in der Oesterreichischen botanischen Zeitschrift, X. Jahrgang, Nr. 3, März 1860

Mancher Leser dieser Blätter hört hier wohl zum ersten Male den Namen eines Berges, der doch mehr als mancher andere, jetzt viel besuchte und gerühmte Punkt der an Naturschönheiten so reichen Schweiz die Aufmerksamkeit des flüchtigen Reisenden nicht allein, sondern auch des wissenschaftlichen Forschers verdient. Gleich merkwürdig durch seine Gestalt und prachtvolle Fernsicht, wie durch seine üppige Flora und seine interessanten geognostischen Verhältnisse und bereits im Jahre 1561 von Benedikt Aretius (der dem Genus Aretia seinen Namen gab) beschrieben, diente er doch bis jetzt beinahe nur der näheren und ferneren Umgegend zum Zielpunkt von Excursionen , während der grosse Touristenschwarm, der alljährlich die Schweiz durchflutet, und zum grossen Teile an seinem Fusse vorüber durchs Kandertal und über den Gemmipass dem Wallis zueilt, durch seine schwere Zugänglichkeit und den Mangel eines sicheren Obdachs auf der Spitze von der Besteigung abgeschreckt wurde. In den letzten Jahren ist das anders geworden. Seitdem ein mit grosser Mühe und bedeutenden Kosten angelegter, ganz gefahrloser Weg zum Gipfel des Niesen führt, und ein treffliches Gasthaus dem Wanderer erwünschte Labung und Schutz gegen einbrechendes Unwetter verspricht, hat sich ihre Zahl auch der ausländischen Besucher ungemein vermehrt und die Zeit dürfte nicht mehr fern sein, wo sein Name dem des Rigi und anderer berühmter Aussichtspunkte ebenbürtig genannt wird. Leider wird aber auch mit dem Eintreffen des unvermeidlichen Engländers und des lärmenden Franzosen der Berg viel von dem poetischen Reize verlieren, der sein einsames Haupt bisher schmückte.



Der Niesen, 7280 Fuss ü.M., 5580 Fuss über dem Spiegel des Thuner Sees gelegen, den sein Fuss beinahe berührt, ist ein fast ganz isolierter Berggipfel im Südwesten des Kantons Bern, zwei Stunden von Thun entfernt. Gleich einem weit vorgeschobenen Posten des höheren Alpengebirges, ist er, ein riesiger Wächter, zwischen den engen Ausgangspforten des Simmen- und Kander-Tales hingelagert, den Umwohnern ein zuverlässiger Wetterprophet. Schon aus der Ferne lenkt er durch seine fast regelmässige Pyramidenform das Auge des Reisenden auf sich. Nach drei Seiten schroff abfallend, hängt er nur gegen Südwest mit einer niedrigeren, gegen das Wallis auslaufenden Gebirgskette zusammen. Nur bis auf den vierten Teil etwa ist er bewaldet, den übrigen Teil des Berges bedecken schöne Triften, auf denen eine gesegnete Alpenwirtschaft von den Umwohnern betrieben wird. Sein Haupt reicht nicht in die Schneeregion, auch kann an seinen steilen Wänden der Winterschnee nicht lange haften und macht zeitig im Jahre einer mannigfaltigen Flora Platz.

Über die geognostischen Verhältnisse des Niesen kann ich als Laie nur erwähnen, dass er dem Kalke angehört, dessen Schichten auf mannigfache Weise von Schiefer, Sandsteine und Grauwacke durchsetzt werden. Den Gipfel bedecken mächtige, chaotisch durcheinander geworfene Sandsteinstücke, wie von Riesenhand nach allen Richtungen hingeschleudert.




Als ich im vergangenen Sommer auf einem botanischen Ausfluge durch die Schweiz in dem heiteren Thun angelangt, schon im Begriffe stand, vom Dampfe mich wieder dem Norden zuführen zu lassen, kam mir der Rat meiner freundlichen Thuner Wirtin, dem nahen Niesen zum Abschied noch einen Besuch abzustatten, ganz gelegen. Schon am vergangenen Abend hatte mir auf der Fahrt von Interlacken herüber seine gigantische, vom Abendrot bestrahlte Pyramide lockend zugewinkt und den Wunsch rege gemacht, mit seiner Besteigung meinen Reiseerlebnissen noch eine schöne Erinnerung hinzuzufügen. Ich hatte zwar des Schönen viel, für so kurze Zeit fast zu viel gesehen, und dabei als Neuling in den Schätzen einer reichen Alpenflora geschwelgt; Rigi und St. Gotthard, Furka und Grimsel, Rhonegletscher und Faulhorn hatten mir mit ihren schönsten Gaben Tribut zahlen müssen, und dennoch sah ich nur mit Bedauern dem Augenblick entgegen, der mich von so viel Herrlichkeiten trennen sollte. Begierig ergriff ich daher die günstige Gelegenheit, den Abschied noch um einen Tag hinauszuschieben und schon die nächste Stunde sah mich, am heitern Morgen des 29. Juli, auf der schönen Strasse nach Wimmis meinem Ziele zustreben. Eine fruchtbare, reich angebaute Gegend und links in nicht zu weiter Ferne die im Morgenlicht strahlende Kette der Berner Hochalpen gewährte Unterhaltung genug während des zweistündigen Weges bis Wimmis, welches, von einem altertümlichen Schlosse überragt, sich an den Fuss des Niesen anschmiegt. Ein Führer wurde hier akquiriert, mehr der Gesellschaft und des Gepäcktragens halber, als um den Weg zu zeigen, der deutlich genug vorgezeichnet war. Nachdem ein enges, von steilen, nadelholzbewachsenen Wänden umgebenes Wiesental durchschritten war, begann sogleich das Ansteigen, anfangs noch im Schatten des Gehölzes oder durch fette Bergwiesen, auf denen indes nur die gewöhnliche montane Flora, z.B. Scabiosa sylvatica, Gentiana campestris, Prunella grandiflora, Orchis militaris, Peristylus albidus u. A., untermischt mit einzelnen subalpinen Kräutern anzutreffen war. Hin und wieder öffnete sich eine reizende Fernsicht über den Spiegel des Sees und nahe und ferne Bergeshäupter, oder eine klare Quelle rauschte zwischen einem Walde hoher Farrenkräuter, zwischen denen Aconitum Napellus, Saxifraga rotundifolia, Veronica urticaefolia, Astrantia major, Prenanthes purpurea, Senecio cordatus u.A. wucherten, hervor. Nach und nach wurde die Holzung sparsamer und niedriger, der Rasen kürzer, aber auch das Ansteigen unter der brennenden Julisonne beschwerlicher. Über weithin sich dehnende Matten von zahlreichen Herden eines schönen Rindviehschlages belebt, zog sich der Weg in mannigfachen Windungen am Berge hinauf. Die bis dahin etwas einförmige Flora, fast nur aus kurzem Grase, untermengt mit den alpinen Formen von Lotus corniculatus, Thymus Serpyllum und Anthyllis Vulneraria bestehend, denen sich seltener Daphne striata und Veratrum album, desto häufiger und auf weite Strecken hin Rumex alpinus zugesellte, nahm allmählich alpinen Charakter an. Gentiana purpurea zeigte sich nun und blieb bis nahe an den Gipfel häufig, seltener, aber in riesengrossen Exemplaren, fand sich Gentiana lutea, ganz vereinzelt Gentiana punctata, dazwischen Cirsium eriophorum, an feuchten Stellen Cirsium spinosisximum, mit ihnen Parnassia palustris in fremdartiger zwerghafter Tracht, Trifolium caespitosum, badium, pratense var nivalis, Saxifraga Aizoon, Scabiosa lucida, Sedum album und atratum, Bellidiastrum Michelii, Homogyne alpina , Erigeron alpinus und glabratus, Chrysanthemum atratum, Arnica montana, Carduus defloratus , Leontodon hastilis var. alpina, Crepis aurea, Hieracium Auricula und angustifolium, Campauula barbata, pusilla und Scheuchzeri, Phyteuma betonicefolium, Gentiana acaulis (hier schon verblüht), Rhododendron ferugineum, Bartsia alpina, Euphrasia officinalis var. alpestris und salisburgensis, Poa alpina, Phleum alpinum, Festuca Halleri und ovina var. alpina.




Nach dreistündigem, ununterbrochenem Ansteigen war die noch eine Stunde unter dem Berggipfel gelegene Sennhütte erreicht, wo bei erquickender Alpenkost frische Kräfte für die noch übrige Strecke gesammelt wurden. Mit jedem Schritte auf dem fortwährend im Zickzack steil, aber bequem und gefahrlos ansteigenden Pfade öffnet sich eine neue, immer schönere Fernsicht auf die gerade gegenüber riesig emporsteigenden Berner Alpen, eine oft schon empfindliche Gletscherluft, die von ihnen herüber weht, kühlt die erhitzte Stirn und immer reicher entfaltet sich dabei eine herrliche Alpen-Flora. Die schöne Alpenaster färbt mit ihren Massen den Rasen fast tiefblau, und wetteifert mit den brennenden Farben des Alpen-Vergissmeinnichts und der Gentiana nivalis und bavarica; Nigritella angustifolia haucht ihre Düfte aus, Anemone alpina und vernalis, Arabis alpina, pumila, Arenaria ciliata, Cerastium strictum, Hedysarum obscurum, Phaca astragalina, Oxylropis montana, Geum montanum, Dryas octopetala, Potentilla aurea (nebst einer anderen, Poteiitilla, die der salisburgensis var. trifoliata am nächsten kommt), Alchemilla alpina, Gaya simplex, Bupleurum ranunculoides, Galium helveticum, Erigeron uniflorus, Gnaphalium carpaticum, dioicum var. alpina, supinum und Leontopodium (letzteres in grösster Menge), Pedicularis verticillata, Phyteuma hemisphaericum, Androsace Chamaejasme, Primula farniosa und ein Heer von Gräsern, darunter Avena versicolor und Festuca pumila, auch im Rasen versteckt Selaginella spinulosa und Cystopteris alpina, fesseln immer aufs Neue die Blicke.

So nahten wir uns unter fortwährendem Sammeln der Spitze, der Rasen wird dürftiger und zahlreiche Felsblöcke, oft Ruinen oder Mauern gleich, zwischen denen sich der kunstvoll angelegte Weg hinschlängelt, bedecken die Hänge des Berges. Endlich steigt die höchste Kuppe, bisher noch versteckt, vor den Blicken auf, nach wenigen Minuten ist das freundliche, mit manchem in solcher Höhe kaum gesuchten Komforts ausgestattete Gasthaus erreicht und wir können unter schattigem Dache unserem Körper die notwendige Ruhe und leibliche Erquickung gönnen.

Neu gestärkt klimmten wir die wenigen Schritte zur höchsten Spitze des Berges hinan, die nur wenig Personen Raum bietet. Eine Aussicht bietet sich hier, mit der sich nur wenige vergleichen, die wir aber hier dem Leser nur in ihren Hauptumrissen zeichnen können. Die ganze weite Fläche zwischen Alpen und Jura liegt vor uns, mit einer Unmasse von Ortschaften besät, von zahlreichen Seen belebt, von Gebirgen nach allen Richtungen hin durchzogen, im fernen Hintergrund von der vielgezackten Mauer des Jura begrenzt. Kehrt der Blick in die nähere Umgebung zurück, so fällt er zunächst in das zu unsern Füssen liegende Simmental, berühmt wegen seiner Fruchtbarkeit und trefflichen Viehzucht, jenseits von der Stockhornkette mit ihren abenteuerlich gestalteten Gipfeln begrenzt, welche nach dieser Seite hin die weitere Aussicht hemmen. Über die Simmentaler Berge hinweg erheben sich westlich zahllose Bergspitzen der Kantone Waadt, Genf und Freiburg. Weiter gegen Norden schweifend haftet das Auge auf dem glänzenden Spiegel des Thuner Sees, denn ein Kranz schöner Ortschaften umgibt und dessen Nordspitze das malerische Städtchen Thun krönt. Einem silberglänzenden Bande gleich schlängelt sich aus der Bucht des Sees die Aare in zierlichen Windungen dem alten Bern zu, dessen Turmspitzen dem Auge kaum noch deutlich erscheinen. Weiter nördlich lagern sich die niedrigeren Gebirge des Kantons Bern vor, dem Emmental und Entlebuch entsteigend. Nach NO, in der Tiefe, ist noch ein Teil des Brienzer Sees zwischen seinen hohen Felsenufern sichtbar, dahinter ragen der Pilatus, Brünig und andere Gebirge der östlichen Schweiz. Südöstlich strecken sich zu unseren Füssen die Frutigen-, Kander-, Adelboden- und Kien-Täler aus, in ihrem reichen Anbau einem Garten ähnlich, zwischen ihnen und dem Brienzer See die Berge des Lauterbrunnen- und Grindelwald-Tals und noch über diese majestätisch emporgipfelnd die Kette der Berner Hochalpen. Unter allen am prachtvollsten ragt die Blümlisalp oder Frau hervor, die mit ihren weiten Schneefeldern und Gletschern den Glanzpunkt der Aussicht bildet und weil mit ihrem Fuss dem Kiental entsteigend, hier ihrem ganzen Umfange nach, wie von keiner anderen Stelle aus sichtbar ist. Das Breithorn, die Jungfrau, der Eiger, die Schreck- und Wetter-Hörner reihen sich östlich an sie an, während gegen Süd und Südwesten die Gemmi, Altels, Karyl, Diablerets und unzählige andere, dem Wallis und Waadt-Lande angehörende Spitzen sich erheben. Eine im fernen Hintergrunde auftauchende Kuppe bezeichnete mir der kundige Führer als zur Gruppe des Montblanc gehörig. Wer, wie ich, das Glück hatte, diese Aussicht bei heiterem Himmel und einem gleich prachtvollen Sonnenauf- und Untergang zu geniessen, dem wird sie unvergesslich bleiben.

Wendet sich das Auge endlich von dem erhabenen Rundgemälde ab und der näheren Umgebung wieder zu, so trifft es zwischen den Felsenblöcken, dem Gerölle und kurzen Rasen der Spitze – ausser vielen der schon früher genannten Pflanzen – noch auf die Polster der Silene acnaulis, Saxifraga oppositifolia (schon verblüht), moschata und Seguieri? Aronicum scorpioides, Elyna spicata, Carex frigida, firma und ferruginea, Sesleria coerulea (nur auf der höchsten Spitze bemerkt) Poa minor. Schöne Steinflechten überziehen in mannigfachen Farben die verwitterten Blöcke.

Ein erquickender Schlaf folgte den gehabten Anstrengungen. Zeitlich am anderen Tage, um die Morgenkühle noch zu benützen, trat ich den Rückweg an, wobei ich leider der Zeitersparnis halber dem gestrigen Pfade wieder folgen musste. Nach kaum zwei Stunden war der Fuss des Berges, nach einer weiteren Stunde auch Thun wieder erreicht und der Nachmittag traf mich bereits, Dank der Geschwindigkeit des Dampfrosses, in dem schweizerischen Venedig, wie der Berner seine Stadt gern nennen hört. Ein mächtiger Strauss von Edelweiss folgte mir in die Heimat und mahnte noch lange an eine der genussvollsten Exkursionen.




Mit vorliegenden Zeilen bin ich natürlich weit entfernt, ein vollständiges Bild der Flora dieses Berges entwerfen zu wollen, sie enthalten nur das, was bei einer flüchtigen Besteigung zur Seite des Weges gesammelt oder notiert wurde. Ich würde sehr dankbar sein, wenn die kundigere Feder eines Schweizer Botanikers, vielleicht in diesen Blättern die obige Skizze vervollständigte. Denn es ist mit Recht anzunehmen, dass sich bei einer genaueren Durchforschung, namentlich auch der übrigen Seiten des Berges und zu einer früheren Jahreszeit, noch manche Seltenheit, so das von Gaudin erwähnte Eryngium alpinum, findet, und dass der Niesen seinem neuerlich durch manchen seltenen Fund berühmt gewordenen Nachbar, dem Stockhorn, auch in dieser Beziehung ebenbürtig zur Seite stehe. Und selbst wenn dies nicht der Fall wäre, würde schon die Üppigkeit der Flora und der Umstand, dass die Vegetationsgrenzen der Pflanzen hier, wie an andern isolierten Bergen, recht instruktiv hervortreten, und sich bequem studieren lassen, einem jeden Botaniker die immer etwas mühselige Besteigung lohnen.

15. August

1989  Cröt – Val Maroz
1991  Rueun – Crest Lentgas
1993  Crianlarich – Kirk Craig – Crianlarich (GB)
1995  Ze Seewe – Obersts Seewji
2009  Riggisberg – Burgistein
2015  Riedbach – Laupen – Gümmenen

2009: Kantonsstrasse Riggisberg–Wattenwil bei Burgistein (BE)

14. August 2017

Mein Feuergesicht

Ruth Blum: Mein Feuergesicht, Flamberg
Verlag, Zürich/Stuttgart, 1967
Einem grossen Thema bleibt Ruth Blum, die bekannte Erzählerin, immer wissender und tiefgründiger auf der Spur: Es ist die spannungsreiche Beziehung zwischen Mann und Frau, welche der Dichterin sinnbildlich erscheint für die spannungsreiche Beziehung zwischen Mensch und Gott. So auch in diesem kraftvollen, neuen Buch.

Ursula Imholz, ein kluges und leidenschaftliches Mädchen bäuerischer Abstammung, verfällt dem Charme eines weltläufigen und modern-religiös gesinnten Mannes. Ursula ist gezeichnet durch den Makel eines «Feuergesichts», eines flammenden Muttermales, in der einen Gesichtshälfte. Das macht es dem Geliebten leichter, gegenüber dem Mädchen in der platonischen Distanz einer Seelenfreundschaft zu verharren, und es doch unter geistiger Machtausübung in Abhängigkeit zu halten. Nach langen Jahren eines urtümlichen inneren Ringens der Geschlechter heiratet der Mann – aber nicht Ursula.

In einem Prozess ehrlicher Selbsprüfung durchschaut die Enttäuschte nicht nur die Schuld des zuvor geliebten und dann gehassten Partners, sondern schliesslich auch den eigenen Fehler einer überspannten Erwartung an das Leben und an den vor solchem Anspruch notwendigerweise scheiternden Mitmenschen. Der tapfere Entschluss, auf die Pose der Betrogenen zu verzichten, gibt Hoffnung auf den Gewinn einer reiferen und freieren Menschlichkeit.

Buchumschlag der Ausgabe der
Evangelischen Verlagsanstalt,
Berlin/Leipzig
Ruth Blum erzählt das reiche und fesselnde Geschehen mit der ihr eigenen Frische, aber auch mit feinem Gespür für Zwischentöne. Die Komposition zeigt mit schöner Klarheit drei sich verschränkende Handlungsebenen: die Rückblende auf vergangene Ereignisse, die Gegenwart einer Klinik, in welcher Ursula mit Hilfe verstehender Menschen ihre Umkehr vollzieht, sowie eine Folge von knappen, Tieferes andeutenden Traumschilderungen. Damit ist der Autorin nicht nur die psychologisch differenzierte und dadurch hilfreiche Schilderung eines heutigen Frauenschicksals, sondern ebenso ein Spiegel mordernen religiösen Erlebens zu danken. (Klappentext)

GE: Stadt Genf GR: Bivio SH: Klettgau, Stadt Schaffhausen TI: Bassa di Nara, San Carlo di Negretino, Riva San Vitale

14. August

1989  Safierberg – Splügen
1991  Panixerpass – Rueun
1995  Camp 1 – Ze Seewe
2000  Capanna Monte Bar – Gazzirola – Gamoghè – Giubiasco
2013  Gurten – Kehrsatz
2016  Burgdorf – Bütikofen – Wynigen

2013: Am Gurten (BE)

13. August 2017

Pfaffenbühlweg

Anlässlich meiner Begehung sämtlicher Strassen, Wege und Pfade der Gemeinde Thun habe ich auch alle Strassenschilder fotografiert. In dieser Serie unter dem Label Thun total präsentiere ich das Resultat. Hinter einigen Strassennamen verbergen sich interessante Geschichten, auf die ich an dieser Stelle gerne näher eingehe.

13. August

1985  Les Emibois – Goumois
1989  Tomülpass – Safierberg
1991  Wichlenmatt – Panixerpass
1995  Grimselpass – Camp 1
2000  Corticiasca – Capanna Monte Bar
2011  Lauenensee – Trüttlisbergpass – Ried

2011: Alp Obere Zwitzeregg (BE)

12. August 2017

Pfandernstrasse


12. August

1985  La Ferrière – Les Emibois
1989  Vals – Tomülpass
1990  Gläckplatten – Furen
1991  Linthal – Wichlenmatt
2001  Zweilütschinen – Sägistalsee – Giessbach
2007  Sangernboden – Chli Ättenberg – Schwarzsee Bad
2014  Dompierre – Gletterens – Grancour
2016  Belp – Vehweid – Belpberg – Toffen
2017  Hochdorf – Ebikon – Root • 23,0 km

11. August 2017

Mein Jakobsweg

Elke Sauer: Mein Jakobsweg, Piper,
München, 2010. Das Buch ist 2008 im
Weltbildverlag erschienen, wo es immer
noch greifbar ist.
Das ist unmöglich, sagten Bekannte und Verwandte, du wirst diesen schweren Weg nicht schaffen. Aber Elke Sauer liess sich nicht aufhalten. Nach jahrelangem Kampf gegen den Krebs ging sie im Jahr 2004 los, von Burgos bis nach Santiago de Compostela, 500 Kilometer weit. Ihr Körper war nach sieben Jahren schwerer Krankheit geheilt, ihr Geist offen für die intensiven Erfahrungen, die atemberaubende Natur, die Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Dies ist das wohl bewegendste Buch über den Jakobsweg: Eine Frau erlebte das Pilgern als Geschenk eines neuen Lebens. (Klappentext)

11. August

1990  Guttannen – Furtwangsattel – Gläckplatten
1995  Grimselpass – Obersts Seewji – Tribtenseewli
2012  Blumenstein – Möntschelenspitz – Schwalmere – Burgistein
2013  Aeschiried – Brunni – Leissigbärgli – Därligen
2016  Oeschseite – Rinderberg – Saanenmöser

2012: Am Fusse der Nünenenflue (BE)

10. August 2017

Pfarrhausweg


10. August

1989  Motterascio – Trun
2002  Rorschach Hafen – St. Gallen
2013  Bauma – Sternenberg – Sitzberg – Wila
2015  Martinzentrum – Thun Bahnhof

2002: Am Jakobsweg in Rorschach (SG)

9. August 2017

Plätzli


Eugens Venom

Die Begehung der Gemeinde Büron, ein Hudelwetter mit viel Wind und abschlissendem Sonnenschein, mein erster Ferientag sowie viel Wanderwille: Soweit das Setting zur Tour von Reitnau (AG) nach Nebikon (LU). Nach ungefähr einer Stunde gelangte ich in den kleinen Ort Wilihof und staunte nicht schlecht. In einer baumbestandenen Wiese stand eine Venom. Sie trug das Rufzeichen EU-GEN. Ich ging davon aus, dass es sich um den Vornamen des Flugzeugbesitzers handelte. Und ich lag richtig!

Eugen Wüests Venom im Örtchen Wiliberg (LU). Im Hintergrund das Dorf Triengen.


Die Maschine gehört seit 1999 dem hier ansässigen Landwirt Eugen Wüest. Er soll angeblich rund 1000 Stunden in die Renovation des von 1956 bis 1983 bei der Schweizer Armee im Einsatz gestandenen Düsenjägers investiert haben. Davon ist 2017 nicht mehr viel zu sehen. In all den Jahren haben sich am Chassis gruselige Ablagerungen gebildet. Henu, Bauer Wüest ist ein Flugzeug-Freak und sogar Privatpilot. Sein Heimatflughafen befindet sich im nahen Triengen, von wo er gelegentlich mit zwei- und vierplätzigen Maschinen abhebt.

Insgesamt 250 Maschinen hatte die Schweizer Luftwaffe einst in Betrieb, und ich mag mich noch gut an diese Krachmacher erinnern, wie sie in meiner Jugend am Himmel auftauchten und wir in ahnungsloser Begeisterung die Köpfe in den Nacken warfen. Auf der insgesamt eher monotonen Wanderung nach Nebikon schaffte ich es indes nicht, gedanklich den Reiz eines Kampfjets auf eigenem Grundstück auszumachen. Okay, zwischendurch wurde ich von weiteren, mitunter skurrilen Fotomotiven von meinen Gedankengängen abgelenkt. Irgendwie schien mir, so mein Fazit, die Luzerner hätten das ganze Jahr über ein wenig Fasnacht. Einmal mehr und einmal weniger. Die Bildstrecke zu Reitnau – Nebikon gibt es hier.