30. September 2017

Zu Fuss durch Amerika

Wolfgang Büscher: Hartland, Rowohlt,
Berlin, 2011
Zu Fuss in das Herz Amerikas, drei Monate lang, 3500 Kilometer von Nord nach Süd: Wolfgang Büscher hat das Abenteuer gewagt. Er lässt sich durch die schneebedeckte Prärie Norddakotas treiben, entdeckt den verlassenen Ort Hartland, der einst Heartland hiess, und freundet sich in den Great Plains mit einem rätselhaften indianischen Cowboy an. Dann folgt er der Route 77 vom Missouri bis zum Rio Grande. Bob Dylan nannte diese historische Strasse einmal das eigentliche Herz Amerikas, ihr entlang lasse sich der Geist des Landes einfangen. In Kansas muss Büscher mit gespreizten Armen und Beinen am Wagen des Sheriffs stehen, auf offener Landstrasse, er schläft in gespenstischen Motels und viktorianischen Herrenhäusern und flieht aus einem Nachtasyl. Dann Texas. Ranches, gross wie kleine Staaten, die Hitze des Südens. Bei Waco, wo einst die bewaffnete Davidianer-Sekte wochenlang vom FBI belagert wurde, trifft er den heutigen Sektenchef – der Wahn lebt. Büscher lässt sich weitertreiben, immer weiter nach Süden, durch die Desierto de los Muertos, bis er schliesslich über den Rio Bravo nach Mexiko verschwindet ...
Ein einzigartiges Reiseabenteuer – geschrieben von einem Autor, dessen Bücher, so der «Spiegel», «zum Besten gehören, was in den letzten Jahren in deutscher Sprache erschienen ist». (Klappentext)


Nach «Berlin – Moskau» trumpft Büscher mit einem Reisebericht auf, der den Leser von der ersten Seite an nicht mehr los lässt.

27. September 2017

Der Narbenmann

Die vergangene Woche war anstrengend und ich dementsprechend müde. Am Samstag legte ich mich denn auch bereits um 17.30 Uhr schlafen; nach beschaulicher Wanderung und unerbittlichem Kampf gegen die Mücken in einem Wald unweit des Reuss-Städtchens Mellingen. Über die Baumwipfel hinweg donnerten im Zwei- bis Dreiminutentakt Passagierflugzeuge Richtung Westen. Ab und zu furzte ein Kleinflugzeug oder ein Helikopter dazwischen. Das untere Reusstal ist fürwahr kein Ort der beschaulichen Ruhe, und der Kanton Aargau macht hier, im Dreieck Lenzburg – Baden – Wohlen, seinem Ruf als Überflug- und Durchfahrkanton alle Ehre.

Selbst als Nachtaufenthalter im Wald blieb ich bis zum Einnachten vor Pferdegetrampel, Kindergeschreie und Hundegebelle nicht verschont. Doch dies zählte nicht, denn vielmehr hoffte und wollte ich, dass mich niemand entdeckte. Für einmal war ich mit einem Innenzelt und einem Tarp von 3 auf 3 Metern unterwegs. Dies als Test für längere Unternehmungen. Ich beabsichtigte herauszufinden, ob sich bei Regen ein genügender Schutz bietet und ob die Temperatur, im vor allem aus Moskitonetz bestehenden Zelt, nicht zu stark absank. Ich hatte soeben meine temporäre Versuchsanlage für die Nacht aufgebaut, da kam bereits ein Mann mittleren Alters dahergeschlichen. Sein gelegentliches Bücken verriet mir, dass er auf Pilzsuche war. Langsam näherte er sich und sprach mich in gebrochenem Französisch an. Und er wollte nicht etwa wissen, was ich hier treibe, unumwunden begann er von sich zu erzählen.

Schlafanordnung für eine Nacht. Und es hat funktioniert!

Er stamme aus Portugal und arbeite bei einem Gemüsebauer in der Nähe. Zehn Stunden am Tag bei 3000 Franken Monatslohn. Eine Plackerei sei das und die Schweiz «tres, tres chère». Und er sollte diesen Satz noch geschätzte zehn Mal wiederholen, ehe er sich von mir verabschiedete. Vor einiger Zeit habe er einen Motorradunfall gehabt und sei acht Monate ausser Gefecht gewesen. Flugs krempelte er sein rechtes Hosenbein hoch und zeigte mir alle seine Narben und ein leicht angeschwollenes Knie, das er seit den Operationen nicht mehr richtig biegen kann. Dementsprechend schmerzhaft sei für ihn das Bücken während der Arbeit, davon könne auch sein Rücken ein Liedchen singen. Ende Monat fahre er zurück nach Portugal, wo der Verdienst schlecht, aber das Leben viel, viel billiger sei als in der Schweiz. Ob er je wieder einmal hierher zum Arbeiten komme, wisse er nicht. Vermutlich nicht, denn, die Schweiz sei zwar ein schönes Land, «mais tres, tres chère».

Das mantramässig vorgetragene Lamento des Saisoniers zeigte mir auf, wie ungemein besser meine wirtschaftliche Situation ist. Ich verfüge über ein geregeltes Einkommen, das mir erlaubt, sorgenfrei leben zu können. Die Begegnung mit dem Portugiesen stimmte mich glücklich und nachdenklich zugleich.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Meine Blase meldete sich. Der Flugverkehr hatte mittlerweile seinen Betrieb eingestellt, da und dort knackte es im Unterholz. Ich puhlte mich aus dem Schlafsack und ging nach draussen. Noch ehe ich zum erlösenden Strahl ansetzen konnte, streifte der Lichtkegel meiner Stirnlampe einen Feuersalamander. Unvermittelt stellte er sich tot. Welch schönes Tier! Und dies in unmittelbarer Nähe meiner Schlafstätte.

Anderntags widmete ich mich der Begehung weiterer Gemeinden des Freiamts: Stetten, Künten, Bellikon, Eggenwil, Fischbach-Göslikon, Niederwil und Wohlen. Allesamt katholische Dörfer, bestückt mit zum Teil stattlichen Pfarrkirchen unterschiedlicher Epochen. Bereits am Samstag durchmass ich kommunales Neuland: Ausgehend von Lenzburg konnte ich Othmarsingen, Wohlenschwil, Niederrohrdorf und Stetten von der Pendenzenliste streichen.

Nicht, dass nun der Verdacht aufkomme, ich hätte auf dieser ¾-Rundwanderung im Tunnelblick-Modus die Gegend abgeklappert und mich permanent über den Verkehrslärm geärgert. Weit gefehlt! Hier der Gegenbeweis in Form einer Liste meiner Glanzlichter:
  • Am Ortsrand von Lenzburg gingen wir durch das Gelände des 34. Zentralschweizerischen Jungtambouren- und Jungpfeiferfest. Es trommelte an allen Ecken un Enden, dabei hatte der Wettkampf noch gar nicht begonnen.
  • Am Autobahnzubringer zur A1 besuchten wir das römische Theater, dessen Grundmauern wieder hergestellt worden sind. Hier würde ein Musik-Openair gut hinpassen. Heavy Metal versus Heavy Traffic.
  • Im anschliessenden Lindwald machten wir einen kurzen Abstecher zum grossen Römerstein, einem imposanten Findling, der einst vom Reussgletscher hierher vefrachtet worden war und den Bearbeitungsspuren zufolge auch zum Bauen verwendet wurde.
  • An der Gemeindegrenze Othmarsingen/Mägenwil erspähte ich einen historischen Stein, der bis 1798 die Grenze zwischen dem Berner Aargau und der Grafschaft Baden markierte.
  • Im Weiler Igelweid schauten wir kurz im Genussladen von Sabine und Lukas Meier rein und kauften Rindswürste und eine Flasche Villnacher Blauburgunder Spätlese von 2012.
  • Gut gefallen hat mir auch das Altstädtchen von Mellingen. Die unmittelbare Lage an der Reuss verleiht dem Flecken einen Hauch von grosser weiter Welt.
  • In Stetten lotste ich am Sonntagmorgen eine ältere Frau durch eine für Fussgänger gesperrte Baustelle. So erreichte die Dame den Beginn der Messe doch noch.
  • In Künten war ich beeindruckt und angewidert zugleich von der strengen Architektur der katholischen Pfarrkirche.
  • Nach einem steilen Aufstieg nach Bellikon war ich froh um die Toilette in der Rehaklinik. Selten habe ich mich nach einer Biwaknacht derart gediegen und hygienisch einwandfrei erleichtert.
  • Im Zentrum von Eggenwil hielt ich am schön gestalteten Dorfplatz Rast; im Hintergrund, der vor wenigen Tagen wiedereröffnete Sternen, dessen Wirtshausschild mir ausnehmend gut gefiel.
  • Der Pfad entlang der mäandernden Reuss führte mich durch dschungelähnlichen Bewuchs und stellte eine bereichernde Abwechslung im Setting meiner Route dar.
  • In Sulz bestieg ich eine der wenigen Fähren im Kanton Aargau. Weil mir der Fährmann auf meine 50er-Note nicht herausgeben konnte, gondelte ich umsonst über die Reuss. Ich bedauerte meine monetäre Fehlplanung und versprach ihm, ein wenig Werbung für die Fähre zu machen.
  • In Wohlen stattete ich der monumental wirkenden Pfarrkirche einen Besuch ab. Der Ortskern machte auf mich einen sonderbaren Eindruck. Mir schien, als sei hier die Zeit in den 1970er-Jahren stehen geblieben. Einzig am Bahnhof deutete der Coop-Pronto-Shop darauf hin, dass dem nicht ganz so ist.
Die Fotos des ersten Tages gibt es hier und eine Bildstrecke vom Sonntag hier.

20. September 2017

Yverdon – Lausanne

Für die Strecke Yverdon–Lausanne benötigt der IC 23 Minuten. Wir waren etwas länger unterwegs.

Der Kanton Waadt ist nicht nur der viertgrösste Kanton der Schweiz, er weist mit 318 Gemeinden am zweitmeisten Kommunen auf (1. Bern 379, 3. Aargau 215). Am vergangenen Wochenende nahm ich mir den Landstrich zwischen Neuenburger- und Genfersee vor, wo 13 von mir bislang unbegangene Gemeinden liegen. Mit von der Partie: Jörg, der frischgebackene Frauenfeld-London-Pilger. Nach 1077 Wanderkilometern und zwei Wochen Wanderabstinenz verspürte der Ostschweizer erste Entzugserscheinungen, weshalb ihm mein Vorhaben, von Yverdon nach Lausanne zu gehen, gerade recht kam.

Für mich war die über 46 Kilometer lange Strecke eine Art Hauptprobe. Ich habe im Sinn, demnächst mein Nordkap-Projekt Nordetter in Basel fortzusetzen. Hierbei soll mir der kürzlich vorgestellte Wanderwagen die Last von den Schultern nehmen. Um seine Funktionstüchtigkeit zu testen, zog ich ihn also durch die Waadtländer Provinz. Mit im Gepäck die gesamte Ausrüstung; vom Sitzmätteli über die Kochutensilien bis hin zum Zelt und dem ganzen Brimborium, das eine mehrtägige Wanderung im Autark-Modus erfordert. Und ja, das Gefährt und das knallgelbe Duffle haben den Test mit Bravour bestanden! Besonders praktisch ist die Tasche während der Rast. Du sitzt auf dem Bänkli, vor dir der Wagen mit dem sehr gut zugänglichen Duffle, in das es nur reinzulangen gilt. Kein Suchen, kein Fluchen. Alles, was für eine Pause benötigt wird, liegt in der Mitte und zuoberst. Selbst die vier Befestigungsriemen taten ihren Job ausgezeichnet. Das Duffle machte die ganzen zwei Tage keinen Mucks, bewegte sich also keinen Millimeter nach links, rechts, vorne oder hinten. So muss es sein! Einzig mit der Gestängelänge hadere ich noch ein wenig. Meiner langen Beine wegen muss ich im sprichwörtlichen Sinne laufend aufpassen, nicht mit der Ferse am Gepäck anzustossen. Dies bedingt, dass ich kürzere Schritte nehmen muss, was auf die Dauer meinem Gehapparat nicht gut bekommen dürfte. Gut möglich, dass ich das Zuggestänge um 10 cm verlängern lasse.

Besonders beeindruckt waren wir vom wechselhaften Wetter. Am Samstag beobachteten wir genüsslich, wie sich drüben am Jura dunkle Wolken entluden, derweil wir praktisch trocken und meist unter Sonnenschein dahinwandelten. Auch in dieser Region der Romandie sind die ehemaligen Bauerndörfer zu Schlafgemeinden verkommen. Keine Schulen, keine Geschäfte und sehr selten ein Restaurant. Viele der charakteristischen Bauernhöfe sind zu reinen Wohnhäusern umgebaut worden. Die altertümlich wirkenden Kirchen erinnerten uns stark an Frankreich. Nach Echallens fiel uns die hohe Dichte an Pferdemist auf. Je näher wir Lausanne kamen, umso mehr Reithöfe tauchten auf. Diese wurden in der unmittelbaren Agglomeration der Waadtländer Metropole von Villenquartieren abgelöst. Und alle diese Herrschaftshäuser haben etwas gemeinsam: Die Grundstücke sind mit hohen, blickdichten Hecken umsäumt und massive Stahltore verriegeln die Zufahrten. Ab und zu kläffen Hunde ennet dem Lebhag, als ob es gälte, die Welt vor Ausserirdischen zu retten.

Immerhin lugte da und dort der Genfersee hervor, ehe wir von den Strassenschluchten Lausannes verschluckt wurden. Am Bahnhof angelangt, reichten ein paar Handgriffe, um den Wanderwagen reisetauglich zu machen. Schön, wie es kurz nach Anruckeln des Zuges über der Lavaux zu regnen begann. Fotos der ersten Etappe gibt es hier und solche des Abschitts von Malapalud nach Lausanne hier.

16. September 2017

Othmar-Schoeck-Weg


Drei Schweizer Städte haben Strassen nach Othmar Schoeck benannt. Die Prominenteste ist die Schoeckstrasse in Zürich. Sie liegt direkt am Sechseläutenplatz, mit Blick auf das Opernhaus, wo Schoeck-Opern uraufgeführt worden sind. Diese Strasse ist weniger als hundert Meter lang und sehr stark befahren, ist aber keine Wohnadresse. Die Zürcher Schoeckstrasse taucht also weder im Telefonverzeichnis noch auf Briefadressen auf. Anders die Schoeckstrasse in St. Gallen. Sie erschliesst nahe dem Wildpark Peter und Paul ein Wohnquartier mit Einfamilienhäusern und umfasst immerhin 49 Adressen. Der Othmar-Schoeck-Weg in Thun beginnt unmittelbar beim Bahnhof und der Schiffstation, führt idyllisch dem Wasser entlang und weist vier Wohnadressen auf.

15. September 2017

Fotografieren mit Ansel Adams

Ansel Adams: Meisterphotos, Christian Verlag,
München, 1984, vergriffen.
Die Lektüre des vorliegenden Text-Bildbandes ist in Zeiten der digitalen Fotografie eine wahre Wohltat! Der weltberühmte Ansel Adams (1902–1984) erzählt einfühlsam, wie die hier präsentierten 40 Meisterfotos entstanden sind. Beeindruckend mit welcher Ausrüstung Adams jeweils unterwegs war und wie wenig Bilder er jeweils schiessen konnte. In den Anfängen hatte er nicht einmal einen Belichtungsmesser zur Verfügung! Der Kontrast zu dem Einst und Jetzt könnte nicht grösser sein. Dies macht das Buch umso lesenswerter. Unbewusst holt Adams dabei die omnipräsent gewordene Fotografiererei auf den Boden der Realität zurück und verdeutlicht, was wirkliche Fotografie eigentlich darstellt. Jedes Bild wird mit Bedacht komponiert und der Film mit viel Erfahrung und Fachwissen belichtet.

Nun, ich wäre vermutlich einer der Letzten, der mit einer Ausrüstung à la Adams – diese war mitunter so schwer, dass er sie auf Maultiere lud, um in die entlegenen Winkel Kaliforniens zu gelangen – auf Motivjagd ginge. Dennoch haben mir die Erläuterungen des Meisterfotografen neue Impulse und Ideen geliefert, wie ich inskünftig meine Bilder in den Kasten befördere. Eines möchte ich indes nicht mehr missen: die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung. Adams entwickelte nicht nur die belichteten Filme selber, er vergrösserte sie hernach im eigenen Labor auf Fotopapier. Eine Arbeit, die ich auch aus eigener Erfahrung kenne. Hier bietet uns die digitale Bildbearbeitung einiges mehr und kommt zudem ohne umweltschädliche Chemikalien aus. Meiner Meinung nach ein gewichtiger Fortschritt in der Geschichte der Fotografie.

Und noch etwas, das mich Adams' Werk lehrt: Die Schwarz-Weiss-Fotografie hat in dieser ach so bunten Welt nach wie vor ihre Daseinsberechtigung. Auf geht's!

14. September 2017

Bye, bye Sangalle


Das ist er, mein letzter Eindruck des Kantons St. Gallen. Gesehen am vergangenen Samstag am Rhein zwischen Bad Ragaz und Maienfeld. «Bye, bye Sangalle!» Mit der Begehung der Gemeinde Vilters-Wangs habe ich im Rahmen meines Gemeindewanderprojektes sämtliche der 77 Gemeinden des Kantons St. Gallen fussgängerisch beehrt; etliche davon gleich mehrere Male. Selbstverständlich werde ich dem Bratwurstkanton auch in Zukunft meine Aufwartung machen, denn, das muss auch einmal gesagt sein, er ist ein vortrefflicher Wanderkanton. Weitere Eindrücke der samstäglichen Strecke von Sargans nach Landquart gibt es hier.

13. September 2017

Bis ans Ende der Welt

René Freund: Bis ans Ende der
Welt,
Picus Verlag, Wien, 1999
Herbe Landschaften und liebliche Gegenden, karge, weite Landstriche ohne Brunnen, ohne Dorf, dann wieder pittoreske Orte, hin zu den tückischen Pyrenäen – 1500 Kilometer lang ist der Fussweg von Mittelfrankreich nach Santiago de Compostela, der mythische Jakobsweg oder Camino de Santiago. Es sind zwei Monate Fussmarsch, an dessen Ende der Wanderer oder Pilger noch einmal auf eine harte Probe gestellt wird in der ungastlichen Meseta. Diese Wanderung, die René Freund in einem sehr persönlichen Tagebuch nachzeichnet, bedeutet emotionale Wechselbäder von euphorischem Glücksgefühl über die Faszination der Landschaft und das Hinauswachsen über die eigenen Kräfte bis hin zur Wut über den eigenen «Masochismus» und zu physischen wie psychischen Krisen. René Freunds Perspektive vereint wohldosiert die Objektivität des aufmerksamen Beobachters mit der Begeisterung des jeden Tag neu Aufbrechenden, das Feingefühl des Naturliebhabers mit teils ironisch gebrochener sachlicher Darstellung. So macht er Leserinnen und Leser zu Begleitern und lässt sie die Ängste, Nöte und Freuden der modernen Pilger miterleben. [Klappentext]

8. September 2017

Pappelweg



Der Pappelweg in Thun ist als eine der wenigen Strassen mit einem alten und einem neuen Schild bestückt.


7. September 2017

Altes aus Absurdistan

Heidi Gassner: Kann denn Liebe Sünde
sein, Licorne, Murten, 1998
Zwanzig Jahre lebte die Künstlerin Heidi Gassner eine heimliche Liebesbeziehung zu einem katholischen Pater, der als Jesuit durch seine Öffentlichkeitsarbeit (u.a. «Wort zum Sonntag» im Schweizer Fernsehen) und Bücher auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt war. Das priesterliche Gelübde der Ehelosigkeit zwang beide zu einem Doppelleben, dessen Zwiespältigkeit und Lügengebilde zu einem schmerzlichen Eklat führten. Die zwei Kinder aus erster Ehe gaben Heidi Gassner den erforderlichen Durchhaltewillen, doch bedurfte auch deren Weg viel Kraft und Mut. Auch aus ihren künstlerischen Arbeiten gewann sie immer wieder die notwendige Energie, um trotz allem die so unterschiedlichen Anforderungen des Alltags zu meistern. Wie es beiden schliesslich gelang, ihr Leben in Einklang zu bringen mit den eigenen Wünschen und Vorstellungen von Gemeinsamkeit und Eheleben, zeichnet der Bericht der Autorin in einer Sprache auf, die jenseits aller Larmoyanz und von überraschendem Humor ist. (Klappentext

Und wieder einmal bin ich über das Gebaren der katholischen Kirche erstaunt. Was Heidi Gassner erlebt hat, verdeutlicht die sektiererisch anmutende, Menschen verachtende Grundhaltung einer Organisation, die im Namen des Herrn ihr Unwesen treibt. Gassners Buch ist vor knapp 20 Jahren erschienen und mir scheint, es habe sich in dieser Kirche hinsichtlich Zölibat und Patriarchat seither nichts Berauschendes getan.

Website von Heidi Gassner: www.gassner.ch

2. September 2017

Fjäll made im Wallis

Also packte ich am vergangenen Wochenende mein Solozelt und verschwand durch den Lötschberg-Basistunnel ins Wallis. Ich ging von Sitten nach Euseigne, stieg am ersten Tag über 1800 Höhenmeter auf, um in – ich übertreibe nicht – traumhafter Landschaft meine Stoffhütte aufzustellen. Kurz darauf erhielt ich Besuch vom Schafhirten, der mit seiner Appenzeller-Border-Collie-Mischlingshündin die Schafe für die Nacht zusammentrieb. Interessant, interessant, was der 44-Jährige zu berichten wusste. Und wow, diese Landschaft erinnerte mich unweigerlich an das skandinavische Fjäll!  Die Bilder vom ersten Tag gibt es hier.



Nach einem frischen Morgen (+6°C im Zelt) sagte ich den 350 Schwarznasenschafen Adieu, die mittlerweile wieder auf Weidegang waren und stieg im Hochtal weiter auf. Über einen knapp 2700 Meter hohen Pass gelangte ich ins Val d’Hérens. Schliesslich endete ich in Euseigne. Und nein, ich ging sie nicht besuchen, die berühmten Erdpyramiden. Dafür war es zu heiss und ich zu müde. Stattdessen liess ich mich im Café du Relais nieder, wo mich Oscar, der Café-Kater, besuchte und sich von mir seine Streicheleinheiten abholte, ehe ich im Postauto nach Sitten abfuhr. Oscar blieb in Euseigne, den Kater indes nahm ich mit. Einem alternden Herr gehen 1900 Höhenmeter Abstieg ganz schön in die Oberschenkel, wie ich tags darauf feststellen musste. Die Bilder dieses Tages gibt es hier.

1. September 2017

Als das Auto noch eine Randerscheinung war

Otto Julius Bierbaum: Eine empfindsame
Reise im Automobil, Rütten & Loening,
Berlin, 1992. Vergriffen.
Otto Julius Bierbaum liebte Hunde, Katzen und Blumen, Horaz und Goetze, Mozart und Dürer, seine junge Frau und – Autoreisen. Im Frühling des Jahres 1902 erfüllt er sich einen Traum: Vertrauend auf acht Pferdestärken, einen Zylinder und den Schauffeur, bricht das Ehepaar Bierbaum mit einem geliehenen roten Cabrio der Marke Adler im Viertaktrhythmus zu einer gut dreimonatigen Hochzeitsreise auf.
Die dreiköpfige Reisegesellschaft in ihrem mit einem 8-PS-Motor bestückten Adler von 1901.


Am 10. April fahren sie von Berlin «durchs Tempelhofer Feld hinaus» bis Sachsen, dann via Dresden, Prag, Wien, München über die alte Brennerstrasse nach Italien. «Evviva benzina!», begrüssen die Einheimischen begeistert das ungewohnte Gefährt, aber auch Fluch und böser Blick folgen der «Teufelsmaschine». Glatte Strassen wechseln mit «pneumatikmörderischen Wegen», vor Rimini haben die Autopioniere ihre erste Panne, und sie atmen jedes Mal erleichtert auf, wenn ihr Benzin bis zur nächsten Apotheke reicht. Tankstellen waren zur damaligen Zeit praktisch inexistent.

Die Bierbaums sind bedrückt vom «nur noch melancholischen Glanz» Venedigs, sehen ergriffen von San Marino aus das Meer und den Apennin gleichzeitig, brauchen für die 96 km zwischen Faenza und Florenz zehn Stunden, klopfen – «überwältigt» von der Toskana – an die Pforte des Franz von Assisi und erliegen in Rom bei 35° Réaumur fast einem Hitzeschlag. Durch die «grandiose Öde» der Campagna gelangen sie nach Neapel, konstatieren dort enttäuscht, dass der Vesuv «weder spuckt noch raucht», laufen durch die tote Stadt Pompeji, stehen vor dem «bedenklich schiefen» Turm von Pisa und bezwingen auf ihrem Rückweg wohlbehalten die 2111 Meter des Sankt Gotthard, als eines der ersten Automobile überhaupt!


1902 überquerten die Bierbaums als eine der ersten Autofahrer den Gotthardpass.

«Reisen, ohne zu rasen» war die glückliche Devise ihrer Fahrt; ihr Fazit lautete: Das Reisen im Automobil ist das ideale Reisen! – Wie sich die Zeiten doch geändert haben …


Otto Julius Bierbaum wurde am 28. Juni 1865 in Grünberg in Niederschlesien als Sohn einer Gastwirts- und Konditorsfamilie geboren. Nach der Schulzeit am Leipziger Thomasgymnasium studierte er Jura und Philosophie in Zürich, Leipzig, München und Berlin. 1887 zog er nach München mit dem Ziel, als Schriftsteller und Journalist ein Auskommen zu finden. Zunächst wohnte er zur Untermiete in der Schwabinger Kaulbachstrasse und verdiente sein Geld mit Feuilletons und Rezensionen.

Als rühriger Literat und Herausgeber wurde Bierbaum zu einem wichtigen Vertreter der Münchner Moderne. Als 1896 die satirische Zeitschrift Simplicissmus erschien, gehörte Bierbaum zu den ersten Mitarbeitern. Nach der Hochzeit mit der Diessener Lehrerstochter Gusti Rathgeber lebte er für einige Jahre in Berlin, dann auf Schloss Englar bei Eppan in Südtirol. 1900 kehrte er zurück nach München, wo ein grosser Teil seiner Werke entstand. Zusammen mit Otto Falckenberg und Frank Wedekind wirkte Bierbaum 1901 an der ersten «Exekution» des Münchner Kabaretts «Die Elf Scharfrichter» mit. Sein 1897 erschienener autobiografischer Roman «Stilpe – Ein Roman aus der Froschperspektive» lieferte die Vorlage für die Kunstform des modernen literarischen Varietés, u.a. soll er Ernst von Wolzogen zur Gründung seines Berliner «Überbrettl» inspiriert haben. Bierbaum verfasste Liedtexte und Chansons und galt als meisterhafter Lyriker. 1901 erschien seine Gedichtsammlung «Irrgarten der Liebe». Die erste Auflage von 5000 Stück war innerhalb von wenigen Wochen vergriffen. 1906 erweiterte Bierbaum die Sammlung und veröffentlichte sie unter dem Titel «Der neubestellte Irrgarten der Liebe».

Schön geprägter Pappdeckel von Bierbaums
Neuauflage der «empfindsamen Reise im
Automobil»
Bei seinen Publikationen widmete sich Bierbaum intensiv den Fragen der Buchausstattung und Typographie. Zusammen mit Rudolf Alexander Schröder und Alfred Walter Heymel gründete er 1899 die monatlich erscheinende Kunstzeitschrift «Die Insel», eine der wegweisenden deutschen Zeitschriften der literarischen Moderne, aus der später der Insel Verlag hervorging. Seinen Mitbegründern setzte er mit dem Schlüsselroman «Prinz Kuckuck. Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings» (in drei Bänden von 1906–1908) ein nicht sehr schmeichelhaftes Denkmal. Bierbaum stellte Heymel als reichen, charakterlosen und selbstverliebten Snob dar, der sich aus purer Eitelkeit als Kunstmäzen profiliert. Der Roman erregte grosses Aufsehen und fürhte zu Anfeindungen und Prozessen.

1901 heiratete Otto Julius Bierbaum seine zweite Frau, die Florentinerin Gemma Prunetti Lotti. Zusammen reisten sie im Automobil durch Europa, vor allem nach Italien. Von seiner Begeisterung für Autoreisen erzählen die Bücher «Eine empfindsame Reise im Automobil (1903)» und «Das höllische Automobil» (1905). 1906 bezog das Ehepaar Bierbaum eine Villa in München-Pasing. Im darauf folgenden Jahr zogen sie nach Dresden.

Der Reisebericht Yankeedoodlefahrt (1909) wurde Bierbaums letztes Buch. Er starb nach langer Krankheit am 1. Februar 1910 in Dresden. Die Urne mit seiner Asche wurde nach München überführt und auf dem Waldfriedhof beigesetzt. Kurz nach seinem Tod erschien im Münchner Georg Müller Verlag eine Neuauflage seines Romans «Das schöne Mädchen von Pao» (1899) in einer nach Bierbaums Anweisungen sorgfältig gestalteten bibliophilen Prachtausgabe.