30. Oktober 2017

Spätherbst-Gedanken

Stiller wird es auf der Welt,
Herbsthauch sinkt hernieder,
Und verstummt im Laubgezelt
Sind der Vögel Lieder.

An der Welt Vergänglichkeit
Mahnt das Blatt zu Füssen,
Sagt dir, dass wir mit der Zeit
Alle scheiden müssen.




Unser Stundenglas, es rinnt
Tag und Nacht gar leise,
Bald, gar bald vollendet sind
Unser's Daseins Kreise.

Darum lebe deiner Pflicht!
Wer den Ärmsten, Bängsten
Freuden in ihr Dunkel flicht,
Lebt am allerlängsten.

Johannes Brassel

28. Oktober 2017

Wilde Wölfe

Ian McAllister: Wilde Wölfe, Frederking + Thaler, München,
2009
Einst durchstreiften Wölfe weite Teile Europas und Nordamerikas. Heute findet man sie nur noch in entlegenen Landstrichen. Ian McAllister folgt den Spuren der letzten wilden Wölfe des Great Bear Rainforest an der schwer zugänglichen Westküste Kanadas. Über einen Zeitraum von 17 Jahren näherte er sich immer wieder den scheuen Tieren, die sich an das Leben im Innern des Regenwaldes angepasst haben. Beim herbstlichen Lachsfischen, auf ihrer Seehundjagd im Winter und bei der Aufzucht ihrer Jungen im Frühling. Intime Einblicke in das Verhalten eines der faszinierendsten Raubtiere unserer Erde, dessen Lebensraum akut bedroht ist. (Inhaltsangabe zum Buch)

Ein begeisterndes Buch mit einzigartigen, grossformatigen Fotos. Schade ist es vergriffen, schön gibt es wenigstens noch eine Taschenbuchausgabe.

25. Oktober 2017

Prostitutierte mit Halt auf Verlangen

Was wohl Englisch sprechende Touristen über die Schweizer und insbesondere die Walliser denken mögen, wenn in der Matterhorn-Gotthard-Bahn Richtung Andermatt kurz nach der Abfahrt in Brig die Durchsage ertönt: «Bitch – Request Stop». Ich war neulich über diesen phonetischen Gag derart ins Grübeln geraten, dass ich statt den Halteknopf die Notruftaste betätigte. Zum Glück bemerkte ich den Irrtum und drückte doch noch die richtige Taste. Der Zug hielt, und ehe sich die Notfallzentrale zu Wort melden konnte, stieg ich in Bitsch aus.

Ich trabte los, den Geleisen entlang, über den Rotten, hinauf nach Termen und weiter talaufwärts durch wunderbaren Herbstwald und drei wilde Gräben, bis ich mich über den Dächern des Dörfchens Bister und somit der letzten unbegangenen Gemeinde im Oberwallis wiederfand. Auf der gegenüberliegenden Talseite erblickte ich Rieder- und Bettmeralp mit ihren insgesamt vier Schwebebahnen, die als Nabelschnüre den physischen Kontakt zur Aussenwelt herstellen. Über dem unsichtbaren Aletschgletscher erhob sich das vergletscherte Geisshorn mit seinen Vor- und Nebengipfeln.

Kunst in der Wildnis, wie hier am Eingang zum Mattigrabu, empfinde ich als deplatziert, obschon das Kunstwerk alleine gefällt.

Der Waldweg senkte sich sanft zur Terrasse hinab, auf der Bister und Mörel gelegen sind. Selbst hier, im dauerhaft besiedelten Gebiet, zeigte sich kein Mensch. Auf einem Fahrsträsschen schritt ich weiter talaufwärts an einem Kapellchen vorbei und hielt auf Grengiols zu, dessen überproportional wirkende Kirche einem Bollwerk gegen was auch immer gleicht. Grengiols – die Einheimischen nennen es «Grängelsch» – verharrte im Mittagsschlaf, weshalb ich ohne Umschweife der Bahnhaltestelle zustrebte. Die Fahrt hinunter nach Brig erfüllte mich mit der Vorfreude eines Sprachhumoristen, die abrupt in ein Schmunzeln überging, als es wieder hiess: «Bitch – Request Stop».

Die Natur als Künstlerin: Blick von der Tunetschalp nach Brig, Glis und Naters. Oben links das Glishorn.

Weitere Eindrücke dieser einsamen Wandergegend gibt es hier zu bestaunen.

20. Oktober 2017

Obere Hauptgasse


Typisch Thuner Altstadt: Weder das Berntor noch das hier erwähnte Lauitor existieren noch. Henusode, Hauptsache, der Fulehung findet jedes Jahr im gewohnten Rahmen statt.

19. Oktober 2017

Obere Wart



Aus der Warte des Ortsunkundigen, eine dankbare Sache, dieses Verweisen auf Hausnummern.

16. Oktober 2017

Was ist bloss mit der Kripo los?

Ingrid Noll: Der Hahn ist tot,
Diogenes, Zürich, 1991
Sie hält sich für eine Benachteiligte, die ungerecht behandelt wird und zu kurz kommt. Mit zweiundfünfzig Jahren trifft sie die Liebe wie ein Hexenschuss. Diese Chance muss wahrgenommen werden, Hindernisse müssen beiseite geräumt werden. Sie entwickelt eine bittere Tatkraft: Rosemarie Hirte, Versicherungsangestellte, geht buchstäblich über Leichen, um den Mann ihrer Träume zu erbeuten. (Klappentext)

Mein erster Kriminalroman von Ingrid Noll, der zugleich ihr erster Kriminalroman war. Und ich bin von der Lektüre sehr angetan, denn 1. ist die Geschichte klug und witzig konstruiert und ebenso geschrieben, 2. wird sie aus der Sicht der Mörderin erzählt, 3. wird keines der Tötungsdelikte aufgeklärt und 4. wird sogar gewandert!

D: Mannheim, Ladenburg, Bickelbach, Weinheim, Schriesheim F: Wissembourg, Ruine Burg Fleckenstein, Elsass

15. Oktober 2017

Viele Hügel, viele Kühe

In St. Gallen grassiert derzeit die OLMA, heuer zum 75. Mal. Gratulation! Die Messemacher nennen ihren Grossanlass auch die «5. St. Galler Jahreszeit». Aha. Was aber heisst OLMA eigentlich? Hinter dem bayerisch klingenden Wortgebilde verbirgt sich die Abkürzung für Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung. Aha, klingt fürwahr nicht gerade logisch. Die Erklärung dazu habe ich auf die Schnelle in Wikipedia und nicht etwa unter www.olma.ch gefunden. Bis 1945 hiess die Ausstellung nämlich Ostschweizerische Land- und Milchwirtschaftliche Ausstellung, was abgekürzt in der Tat ein OLMA ergibt. Von 1946 bis 2003 nannte sie sich Schweizer Messe für Land- und Milchwirtschaft und seit 2004 wie oben erwähnt. Durch die OLMA berühmt geworden, ist die sogenannte OLMA-Bratwurst, die bekanntlich ohne Senf zu vertilgen ist.

«Henu, lassen wir die OLMA OLMA sein und gehen wir von St. Gallen nach Appenzell», sagte ich und schritt zur Wandertat. Über Hügel, Bäche und 1000 Weidezäune zog sich die Route durch drei Kantone. Die von den Alpen neulich zurückgekehrten Rinder, Kälber und Kühe machten sich ans Abrupfen ihres Grundnahrungsmittels, auf das sie auch hier ab und zu schissen (eigentlich sonderbar, nicht wahr). Da und dort schaute ein Stier nach dem Rechten oder es meckerte ein Geisslein hinter einem Schober hervor. Am Horizont baute sich das Alpstein-Massiv auf, darüber frohlockten dünne Schleierwölkchen. Angesichts der vielen herausgepützelten, ehemaligen Heimetlis wurde mir bewusst, dass das Appenzellerland längst zu einer Wohlfühl- und Wohnoase für besser Betuchte geworden ist, denn längst ist der zerbeulte Subaru vor dem Haus der schwarzen Limousine aus dem Hause BMW, Audi oder Mercedes gewichen.

Was soll's? Das Hügelwandern im Lande der Mansers, Brülisauers und Dörigs hat seinen Reiz nach wie vor nicht verloren, ja, mir scheint es gar das attraktivere Programm als dieses OLMA-Gedränge, was die Bilder einmal mehr veranschaulichen mögen.

13. Oktober 2017

In der Freiburger Pampa

Mein Gemeindewanderprojektplan sah für den vergangenen Samstag die Begehung der Freiburger Gemeinden Cottens, Torny und Châtonnaye vor. Eine Strecke quer durch welsches Nowhere-Land. Die Abseitigkeit des Landstrichs äusserte sich unter anderem durch das Nicht-Vorhandensein durchgängiger Flur-, Forst- oder sonstiger Wege, will heissen, es ging zeitweise quer durch Feld und Wald. Den ganzen Tag kein einziger Wanderer, Spaziergänger, Hündeler, Reiter, Biker. Wer hier nicht landwirtschaftlich tätig ist, geht vermutlich nicht nach draussen. Einzig die Junioren des FC Cottens bildeten hier eine Ausnahme. Sie bereiteten sich auf ihr kommendes Heimspiel vor. Selbst den Schützen desselben Ortes scheint das Schiessen verleidet zu sein. Der Scheibenstand ist nicht mehr existent und das Schützenhaus zu einer Festhütte umfunktioniert. Nun, mir war's recht, denn mein Weg führte genau durch die ehemalige Schusslinie der Knallfreunde.

Neyruz – Granges: Eine Fussreise von Ost nach West durch freiburgisches Niemandsland.


Auffallend indes auch hier: Alle durchwanderten Dörfer befinden sich im baulichen Expandionsmodus. Der Einfamilienhäuschen-Boom hält unvermindert an, ebenso der in diesem Blog auch schon bedauerte Trend zu trostlosen Steinwüsten rund um das eigene Heim. Immerhin erobert der Biber am Ruisseau de Marnand, einem beeindruckenden Graben östlich von Marnand, neues Territorium, wie gefällte Äste von Haselstauden zeigten. Wie sich mir das alles und noch einiges mehr präsentierte, veranschaulicht die Bildstrecke.

12. Oktober 2017

Die Eiswanderung

Thomas Röthlisberger:
Die Eiswanderung, Cosmos, Muri, 1998
Albert Winter, verwittwet, Architekt im Ruhestand, ist ins Altersheim Sonnegg gezogen; sein Haus mit grossem Garten hat er dem Enkel übergeben. Um nicht wie viele Heimbewohner in Gleichgültigkeit zu versinken, verordnet sich Winter eine «tägliche Turnübung des Geistes». Er erzählt seinem gebrechlichen Wohnungsnachbarn Fritz Dürrenberger die liebevoll ausgeschmückte Geschichte vom Leben und Sterben des alten Finnen Eino Saarinen: Dieser zieht heimlich aus dem Haushalt seiner Tochter weg nach Ostfinnland und richtet sich in einer ehemaligen Wochenendhütte am See ein. Dort lebt er für sich und mit der Natur und ist niemandem Rechenschaft schuldig. Saarinen – der lebt, bis er stirbt.

Winter verstrickt sich immer mehr in die Geschichte, von der er sagt, sie sei «hoffnungslos, aber sie lässt hoffen». Die Geschichte verselbständigt sich und folgt ihren eigenen Gesetzen. Erinnerungen und Bilder überlagern und verschieben sich, Erlebtes und Erfundenes verschmelzen zu einem dichten und wehmütig-schönen Verwirrspiel. (Klappentext)

BE: Stadt Bern FIN: Südostfinnland

11. Oktober 2017

Der zweiteilige Dreiteiler – Teil 3

Irland, Wales, Schottland oder Bretagne? Weit gefehlt! – Claro (Tessin).


Die dritte Etappe führte mich noch einmal den Ticino entlang. Und wiederum dasselbe Ambiente wie am Tag zuvor: urtümlicher Auenwald und mitten hindurch der lauschige Pfad. Wie gestern schon wurde die Szenerie durch hässlich-skurrile Inermezzi unterbrochen. Waren es tags zuvor das Strassen- und Eisenbahn-Wirrwarr bei Biasa und die mitunter unappetitliche Industriezone von Cresciano, erschreckten mich heute das Kieswerk und die Strassenverrenkungen bei Castione. Glücklich machten mich indes die ehemalige Eisenbahnbrücke der Mesocco-Bahn, die Fussgängern und Radfahrern zum Überqueren der Moesa dient, sowie die zwei Pferde, die sich mitten in Bellinzona gegenüber den SBB-Werkstätten auf einer kleinen Weide tummelten. Fuhr ich bei der Herreise über die alte Gotthardstrecke, freute ich mich auf die Rückreise mit dem Eurocity. Es wurde meine erste Fahrt durch den NEAT-Tunnel. Bellinzona–Burgistein in 3½-Stunden. Wahnsinn!

Bilder dieser Etappe gibt es hier zu sehen.

10. Oktober 2017

Der zweiteilige Dreiteiler – Teil 2

Mittägliches Stilleben in Lodrino.


Anderntags verliess ich meinen Logenplatz bei Sonnenschein. In Kürze erreichte ich auf der Mulattiera das Dorf Personico, wo ich an einem Brunnen Wasser fasste. Vom Bergmodus ging es nun für beinahe zwei Tage in den Flachlandmodus. Der Ticino würde mich bis kurz vor Bellinzona begleiten, und das war prima! Einerseits übertönte er mit seinem Rauschen jenes des Strassenverkehrs und andererseits bildete der Auenwald dies- und jenseits des Flusses ein unglaublich schönes, malerisches, wildes und wohltuend beruhigendes Wandergelände, dass mir zwischendurch das Herz vor Freude zu hüpfen begann. Meist verlief der Weg auf der Dammkrone, dann wiederum zirkelte er zwischen Weiden, Espen, Kastanien und Birken hindurch. Die einfallenden Sonnenstrahlen illuminierten die sich verfärbenden Blätter zu einem Licht- und Schattenspiel, wie ich es mir nie hätte erträumen lassen. Meine Füsse liefen und liefen, bis ich kurz vor Claro abbog, um den etwas erhöht gelegenen Campingplatz in Scubiago zu erreichen, wo ich die Nacht zu verbringen gedachte. Eine Fotostrecke dieser Etappe befindet sich hier.

9. Oktober 2017

Der zweiteilige Dreiteiler – Teil 1

Ich hatte mich auf einen spannenden und zwei monotone Wandertage im Tessin gefasst gemacht. Und einmal mehr hat mich meine Vorahnung Lügen gestraft. Die Route von Lavorgo nach Bellinzona hielt nicht nur auf dem Bergwegabschnitt des ersten Tages, was ich mir erhofft hatte, die zwei Flachetappen den Ticino entlang waren nicht minder beeindruckend.

Das nasskalte Wetter lockte unzählige Feuersalamander hervor. Nach einem Dutzend hörte ich auf zu zählen. Ich schätzte die Anzahl gesichteter Tiere innerhalt von zwei Stunden auf über 40.


Als ich in Lavorgo im S-Bahn-Zug, der sich aber Interregio nennt, ankam, nieselte es. Während dem Aufstieg nach Chironico setzte konkreter Regen ein, der sich in der Folge zum veritablen Geschütte entwickeln sollte. Ich nahm es gelassen, konnte ich doch endlich meine Ultraleicht-Regenjacke auf ihre Tauglichkeit testen. Dies, im vollen Vertrauen auf den Wetterbericht, der für ca. 14 Uhr das Nachlassen der Niederschläge versprach. Und er hielt Wort! Genau zu jenem Zeitpunkt als mein Weg vom Fahrsträsschen in den anspruchsvolleren Pfad überging, hörte das Ungemach auf.
Was nun kam war ein typischer Tessiner Bergweg. Jeder Schritt wollte präzise gesetzt sein. Links ging es steil hinunter, rechts ebenso hinauf. An einigen Stellen ahnte ich den bodenlosen Abgrund bloss. Zum Glück waren da Baumwerk und ein problemlos begehbarer Weg, der einst als Saumpfad für den Warentransport am Gotthard gedient hatte. Maiensäss folgte auf Maiensäss, allesamt zu Wochenendrusticos um- und ausgebaut.

Doch das Gute wurde noch besser. Etwas oberhalb von Persinico, dem erklärten Etappenziel, stand am Wegrand ein Brunnen. Ich fasste die doppelte Ration Wasser, weil ich hoffte, bei einem auf der Karte eingezeichneten Bildstock drei Quadratmeter ebenes Gelände vorzufinden, wo ich mein Zelt für die Nacht aufstellen konnte. Und in der Tat: Die Stelle erwies sich als der perfekte Platz zu Füssen eines 1827 errichteten Gebetsstöcklis, das freilich dringend einer Renovation bedürfte. Und als sich vor dem Einnachten das Abendrot über den Gipfeln Biascas zeigte, war mein Vagabundenglück perfekt. Ich haute mich früh aufs Ohr und lauschte lange dem nicht abreissen wollenden Rauschen der Gotthard-Autobahn. Optische Eindrücke dieser Etappe gibt es hier.

6. Oktober 2017

Reise in die Steinzeit

Patrice Franceschi: Reise in die Steinzeit,
Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach, 1996,
vergriffen
Patrice Franceschi stellt sich einer ungewöhnlichen physischen und moralischen Herausforderung: Er will ein völlig unerforschtes Gebiet, das indonesische Irian Jaya in der Westhälfte Neuguineas, zu Fuss und ohne technische Hilfsmittel durchqueren. Die erste Etappe führt ihn über 4000 Meter hinauf in die Berge, durch Urwald und Sümpfe, in Kälte, strömenden Regen und dichten Nebel. Dann geht es weiter in die Ebene, zum Fluss Brazza. Hier droht Gefahr durch Insekten, Blutegel, Schlangen, Krokodile und nicht zuletzt durch die Eingeborenen. Hier leben 250 verschiedene Papuastämme – teils noch Kannibalen, teils von Missionaren befriedet –, die sich durch ihre Isolation eine vorgeschichtliche Kultur bewahren konnten. Nach einem Marsch von 500 Kilometern fährt Franceschi mit dem Schlauchboot 200 Kilometer den Brazza hinunter und kehrt nach über fünf Wochen in Jahrtausende alter Flora und Fauna in die Zivilisation zurück.

Der Autor unternahm diese Expedition 1989. Seither hat sich in Papua-Neuguinea einiges verändert zu haben. Das politisch instabile Land ist geprägt von Stammesfehden, weshalb in heutiger Zeit eine Reise in dieses von Mord- und Totschlag geprägte Land mit noch höheren Risiken verbunden ist, als es bei Franceschis Abenteuer der Fall war. Bedenkenswert ist zudem, was der Autor in der Buchmitte über seine Bedürfnisse niedergeschrieben hat:

Meine Prioritäten haben sich denen der primitiven Menschen in meinem derzeitigen Umfeld angenähert. Essen, schlafen, nicht frieren, nicht nass sein. Gibt es etwas Wichtigeres? Wie sollte man hier anders denken? Mein Lebensrhytmus hat sich umgekehrt, meine Sorgen sind dem, was sie früher einmal waren, diametral entgegengesetzt. Mein Leben wird von anderen Dingen beherrscht: Vom Regen, der vom Himmel herabfällt, von Lagerfeuern, die mir ein wenig Trost und Wärme spenden, vom Rauch, der in den Augen brennt, von verschiedenen Geräuschen, vom feuchten Boden, der mir als Lager dient, von frischem, kristallklaren Wasser und von fremden Menschen. Sogar die Erinnerung an die Menschen, die mir nahestehen, ist von einem diffusen Gefühl der Unwirklichkeit getrübt.

Auch meine Werteskala verschiebt sich nach und nach. Der kleinste Bissen der mitgebrachten Nahrung, die ich in meinem Rucksack aufbewahre, ist mir jetzt unbeschreiblich kostbar, während ich dieselben Lebensmittel zu Hause kaum zu würdigen wüsste. Auch messe ich den vertrauten Gegenständen einen unermesslichen Wert bei, der ihnen woanders nicht zukommen würde. Mein Rucksack und mein Messer sind meine treuesten Freunde geworden, und meine Hängematte, meine Hängematte, meine Taschenlampe und meine Machete sind mir ans Herz gewachsen. Diese Kleinigkeiten sind zum Mittelpunkt meines Daseins geworden. Ich lächele, amüsiere mich darüber.

Nur Bücher und Musik bleiben von diesen neuen Wertkriterien verschont. Sie bleiben unveränderliche Fixpunkte, Grundbedürfnisse, in denen ich mein wahres Ich wiederfinde. Einige geliebte Seiten, einige sublimierte Töne geben mir in schweren Augenblicken mehr Kraft als jedes andere Stimulans.

Patrice Franceshi beschreibt hier exakt mein eigenes Empfinden, wenn ich mit dem Zelt – und sei es auch nur für zwei Tage – unterwegs bin. Es begründet indes auch, weshalb ich seit meiner Jugend immer wieder die völlig autarke Form des Wanderns bevorzuge: die Reduktion auf das Wesentliche im Leben eines Menschen. 

2. Oktober 2017

Süd- statt nordwärts

Projekt «Die Koordinate»
und die bislang getätigte
Strtecke.
Was wären Wanderprojekte ohne Alternativen? – Ein Jammer! Nachdem mein Nordkap-Projekt im Juni an einer defekten Zahnfüllung gescheitert ist, macht mir aktuell das miese Herbstwetter einen Strich durch die Rechnung. Nichts ist's mit der geplanten Fünftageswanderung von Basel nach Freiburg im Breisgau. Was tun? – Wandern! Das Tessin soll's richten. Doch davon mehr, wenn ich auch tatsächlich dort herumgetippelt bin. Vorerst ein kleines Intermezzo im Greyerzerland, wo ich gestern an meinem Projekt Die Koordinate weiterwerkelte. In meinem letzten Eintrag habe ich vom Abschnitt Murten – Matran berichtet. In der Zwischenzeit bin ich gar bis nach Hauteville am Greyerzersee vorgerückt. Und genau hier ging es nun weiter.

Bis kurz vor Broc folgte ich dem erst vor wenigen Jahren angelegten Sentier du Lac de la Gruyère. Der Pfad führt meist in Seenähe den stark bewaldeten Hügeln entlang. Aus diesem Grund bleibt das Gewässer dem Auge oft vorenthalten. Die herbstlich gefärbten Laubbäume entschädigten jedoch für die entgangene Seeidylle. Einmal mehr war ich erstaunt, wie wenig Wanderer sich auf diesem bekannten und beliebten Rundweg tummelten. Nun, mir war's recht. Das Geniessen der Stille erhält so eine unvergleichliche Qualität.

Das Spezielle am Greyersee ist indes, dass er sich genau im Zwei-Kilometer-Korridor meines Koordinaten-Projektes befindet. Egal, auf welcher Seeseite ich mich bewegte, ich war stets auf Kurs. Im Anschluss folgte das Schokoladendorf Broc, an dem mir in erster Linie das direkt an der Saane gelegene Schloss gefiel. Das sogenannte Château d'En-Bas (Unteres Schloss), stammt aus dem 12. Jahrhundert und wurde im Verlaufe der Zeit mehrfach restauriert und umgestaltet, letztmals 1972. Das grosse, viereckige Gebäude war einst Sitz der Herren von Broc und von Montsalvens. Das Schloss besitzt Kreuzstockfenster aus dem 14. Jahrhundert, Innendekoration aus der Zeit der Renaissance und einen im 17. Jahrhundert gestalteten Rittersaal. Das Schloss ist vom anderen Saane-Ufer über eine Steinbogenrücke aus dem Jahr 1580 zu erreichen. Auf dem Schlossareal befindet sich zudem ein freistehender Kirchenturm aus dem 17. Jahrhundert. Dieser gehörte zum heute nicht mehr existierenden Kirchen- und Konventsgebäude. Ich war beeindruckt ob der historischen Schönheit von Brücke und Schloss, unmittelbar an der stark befahrenen Kantonsstrasse.

Bis zum Etappenziel, der trostlosen Bahnhaltestelle von Estavannens, folgte ich der Saane. Der abwechslungsreiche Weg schängelte sich durch den Auenwald, unterbrochen von der gedeckten Holzbrücke, «Le Pont qui branle» (die Brücke, die wackelt), am Fusse des Städtchens Greyerz. Seit dem 15. Jahrhundert existiert hier ein Übergang über die Saane, der durch Hochwasser immer wieder beschädigt wurde. Daher vermutlich der spezielle Name. Der Bau der heute noch bestehenden Brücke erfolgte 1820. 1983 wurde die damals einsturzgefährdete Brücke – eventuell auch ein Grund, das Bauwerk Wackelbrücke zu nennen – komplett saniert und dient heute dem auf dieser Saaneseite ansässigen Bauern sowie dem Wander- und Fahrradtouristen als wichtiger Übergang. Offiziell heisst die Brücke Pont du Châtelet, benannt nach dem Gehöft, das sie erschliesst.

Ein paar Bilder dieser Wanderung gibt es hier zu sehen.