4. Januar 2018

Die Hölle von Semsales

Der Tag begann nicht gut. Beim Anziehen der Socken zwickte es im Rücken. Und als ich im Schuhregal nach den Wanderschuhen griff, trat mein linker Fuss auf etwas Weiches. Es knackte leicht. Ich sah zu Boden und da lag sie, die Maus, draussen über Nacht von Katze Mira höchstpersönlich erlegt. Als dann der Zug nach Bern auf offener Strecke hielt und nach einer gewissen Zeit die Durchsage kam, wir hätten technische Probleme, da dachte ich, der Tag sei bereits gelaufen.

Denkste.

Mit etwas Glück schaffte ich die Anschlussverbindung in Bern, so dass einer ordentlichen Anreise ins freiburgische Semsales nichts mehr im Wege stand. Je näher ich dem Ausgangspunkt der Wanderung kam, umso mehr Schnee bedeckte das Land. Es wehte nicht nur ein zügiger Wind, ein feiner Nieselregen, der aus tief hängendem Nebel fiel, komplettierte die garstigen Verhältnisse. Als ich in Semsales dem Bähnchen entstieg, war ich nicht sicher, ob ich überhaupt losgehen wollte. Zu den miserablen Witterungsbedingungen gesellten sich ebensolche Bodenverhältnisse. Semsales Strassen präsentierten sich als ein weit verzweigtes Netz von Eisbahnen. Wer hier ohne Spikes oder Schneeketten unterwegs war, lebte gefährlich.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und zitterte los. Ein Gehen wie auf Eiern und jeder Schritt ein Schritt ins Ungewisse. Ausrutschen oder bloss Rutschen, dies war die Frage. Und stets die Suche nach Stellen, die besseren Halt versprachen; stets die Suche nach vielleicht doch noch einer aperen Stelle, die überhaupt Halt versprach. Der auffrischende Südwestwind peitschte mir die feinen Regentröpfchen ins Gesicht. Im Nu war die Brille keine Sehhilfe mehr. Mit feuchten Handschuhen versuchte ich, die Tropfen wegzuwischen. Auf den Gläsern entstand ein Geschmier, das den Durchblick zwar etwas verbesserte, meine allgemeine Situation indes nicht.

Nach kurzer Zeit stiess ich auf eine Horde Reiter, die ihre Pferde ausrittbereit machten. Aus der ganzen Romandie waren sie angereist, um einen Patrouillenritt zu absolvieren. Auf den nun folgenden zwei Kilometern teilte ich meine Route mit den Pferden. Das hatte nun gerade noch gefehlt, denn als die vereiste Strasse in einen Feldweg überging, war ich restlos bedient. In einem 10 cm hohen Mix aus Nassschnee, Eis, Dreck, Pferdemist und Wasserlachen kämpfte ich mich voran. Zweimal wurde ich von Reiterinnen überholt. Eine meinte, ich sei «courageux» – mutig –, worauf ich erwiderte, auch sie sei «courageux», bei diesem Wetter unterwegs zu sein. Zu Hause fand ich heraus, dass es sich bei dieser Patrouille um die Rallye des Neiges handelte. Der Parcours war 17 km lang und beinhaltete mehrere Posten. Hier mussten die Teilnehmer ein Geschicklichkeitsspiel absolvieren oder Fragen beantworten. Die Teilnahmegebühren betrugen 30 Franken und jeder Reiter erhielt eine Plakette.

In der Hölle von Semsales (FR), hier kurz vor La Verrerie, dominierten Schneematsch, Eis und Pferdemist.


Als sich die Route der Schnee-Rallye von der meinigen trennte, änderte für mich die Richtung. Hatte ich bislang den Wind einigermassen im Rücken, kam er nun von vorne. Die Hölle von Semsales war perfekt! Ich stapfte mit der Hoffnung Richtung Progens, dass die Kirche des auf einer Krete gelegenen Dorfes offen sein möge. Sie war es! Ich trat ein und genehmigte mir eine Zwischenverpflegung. Gleichzeitig schritt ich die vier Kirchenheiligen ab, die in den Kirchenfenstern eingelassen waren: Der König von Frankreich: Saint Louis, Niklaus von Flüe, Paulus sowie Pierre Canisius.

Die Fortsetzung meiner Begehung von drei neuen Gemeinden (La Verrerie, St-Martin und Maracon) gestaltete sich im ähnlichen Rahmen. Für einmal war ich sogar froh, auf schwarz geräumten, asphaltierten Überlandstrassen gehen zu können. Doch diese Abschnitte bildeten eher die Ausnahme. Der Rest war knallhartes Nassschneetreten, das schliesslich in der bitteren Erkenntnis endete, dass meine Gore-Tex-Wanderschuhe nach 1300 km ihre Wasserdichtigkeit verloren haben. Als ich endlich in Châtel-St-Denis einlief, wollte ich nur noch eines: In eine warme windstille Stube hocken und mir ein frisch gezapftes Bier genehmigen. Ich tat dies im kleinen Bahnhofcafé, das in spätestens zwei Jahren der Vergangenheit angehören wird. Seit August 2017 wird der Sackbahnhof von Châtel-St-Denis in einen Durchgangsbahnhof umgebaut. Im November 2019 soll dieser an völlig neuer Stelle in Betrieb genommen werden. Bis dann wird auch meine Wanderung in der Hölle von Semsales längst Schnee von gestern sein.

Fotos dieser Wanderung gibt es hier zu sehen.

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