10. Januar 2018

Enttäuschung in Kloten

Einmal musste es soweit kommen. Wer alle Gemeinden der Schweiz abwandern will, bewegt sich früher oder später im Dunst- und Duftkreis des Flughafens Zürich. Vergangenen Samstag gelangte nun eine Route zur Ausführung, die sich zu Beginn auf der Nordostseite entlang der Piste 14/32 hinzog und nahe der Gemeinde Winkel in einem rechten Winkel Richtung Embrach abknickte, um schliesslich unter Kenntnisnahme der Schäden, die der Sturm Burglind am 3. Januar in den zu durchquerenden Wäldern angerichtet hatte, im Ort mit dem sonderbaren Namen Pfungen zu enden.

Eine ganze Woche hatte ich Zeit, mich mental auf die akustischen und olfaktorischen Widerwärtigkeiten eines Grossflughafens vorzubereiten, was indes gar nicht nötig gewesen wäre, denn der Gang in dessen unmittelbarer Nähe verkam zu einer einzigen Enttäuschung. Was war geschehen? Über Nacht hatte sich über der von Riedflächen umrankten Betonwüste ein hartnäckiger Nebel gebildet. Dieser verhinderte nicht nur die Sicht auf startende und landende Flieger, er schluckte auch etliche Dezibels an Lärm. Das höchste der Gefühle waren gegen das Ende der Landepiste 14/32 schemenhaft dahinrollende Maschinen der Swiss, der Turkish Airlines, der European Airlines sowie der Helvetic Airlines. Und selbst vom Kerosinduft blieb die Nase verschont. Kurz: von einem authentischen Flughafen-Feeling keine Spur! Was mir jedoch ausnehmend gut gefiel war die Riedlandschaft jenseits der Pisten, wo sich im Brunnbach der Biber offenbar recht wohl zu fühlen scheint.

Die nächste Enttäuschung lag freilich nicht weit: Vom Besuch des römischen Gutshofes bei Seeb hatte ich mehr erwartet. Das eigentliche Glanzlicht der Anlage beachtlichen Ausmasses, der gedeckte Westflügel, war leider abgeschlossen, und die Fenster gaben lediglich einen beschränkten Einblick in die römischen Baukünste. Vom Rest des Hofes waren bloss die ebenerdigen Grundmauern zu sehen. Schade. – Um einiges spannender liest sich jedoch die Archäologie-Geschichte des Gutshofes.

Römischer Gutshof von Seeb bei Bachenbülach (ZH)


Im Jahre 1958 musste im Zusammenhang mit Kiesabbau im sogenannten Neuacker, westlich des Dörfchens Seeb in der Gemeinde Winkel, die Ruine eines römischen Gebäudes in Eile untersucht und anschliessend aufgegeben werden. Im Gefolge dieser Unternehmung suchte die kantonalzürcherische Denkmalpflege auch die früher schon in Spuren gefassten Ruinen im sogenannten Römerwäldchen da und dort vermessungstechnisch einzufangen. Denn von der Existenz eines ausgedehnten Ruinenfeldes westlich von Seeb berichtet die örtliche Überlieferung, und zwar so, es habe in den Feldern westlich Seeb eine ganze römische Stadt gestanden.

Wenn die Tradition wie an so manch andern Orten in Bezug auf die Grösse der einstigen Anlage übertreibt, so ist die Nachricht von der «Stadt» doch nicht vollständig erdichtet. Offenbar wurde nämlich seit frühmittelalterlicher Zeit, als sich die Alemannen in der Gegend niedergelassen hatten, das Bild einer einst grossen Anlage von Generation zu Generation weitergeben. Und auch die Kenntnis des Ruinenfeldes ging nie ganz verloren. An der offenbar bei der alemannischen Landnahme von Gestrüpp überwucherten, ausgedehnten Ruinenstätte orientieren sich die Führer der neu angekommenen Ansiedler in dem Sinne, dass sie die Grenzen wichtiger Grossgemeinden in diese Gegend verlegten. Diese Ausmarchung hält sich noch heute, stossen doch im Gebiet des römischen Gutshofes Seeb nicht weniger als drei Gemeinden zusammen.

Die erste eigentliche archäologische Entdeckung ist für das Jahr 1852 gesichert. Damals jedenfalls schrieb Gemeindepräsident Conrad Meyer von Winkel an die 1832 gegründete Antiquarische Gesellschaft in Zürich über eine eben durchgeführte Ausgrabung. In der Folge wurden derartige Unternehmungen immer wieder an die Hand genommen, recht ausgedehnte vor allem in den Jahren 1865 bis 1867 und ähnliche wieder 1870/71. Bei diesen Arbeiten kamen u.a. das kleine Fragment einer kolossalen Gewandstatue sowie eine Merkurstatue zum Vorschein. Neuere Untersuchungen wurden dann 1902 und 1911 sowie 1952 bis 1955 unternommen. Die modernen Ausgrabungen aber wurden durch den 1958 begonnenen Kiesabbau verursacht.

Soweit wir heute sehen, handelte es sich beim Gutshof von Seeb um eine mehr oder weniger riesige rechteckige Anlage mit Herrenhaus und vielen Nebengebäuden für Mensch und Tier, die von ausgedehnten Hofmauern eingefasst war. Die heute bekannte Länge misst rund 360 m und die Breite rund 200 m, was einem Flächeninhalt von rund 7½ Hektaren entspricht. Zu diesem Gutshof dürfte das Gebiet zwischen Dätenberg und Höhragen einerseits und zwischen Seeb und Hardwald nördlich Bülach anderseits gehört haben. Wir hätten damit einen Grundbesitz von rund 1000–1500 Hektaren. Hierzu dürften die ebenfalls schon früh bekannt gewordenen römischen Ruinenstätten Bülach-Pfarrbaumgarten, Bülach-Grossstein, Bülach-Murgasse, Bülach-Heimgarten und Nussbäumen gehört haben. Es gibt sowohl in Frankreich als auch im linksrheinischen deutschen Gebiet sehr gute Beispiele für derartige Gutshöfe mit zugehörigen Nebenhöfen. So hat man für einen Gutshof in Böckweiler im Saargebiet 6 Aussenhöfe mit je ca. 120 Hektaren Boden festgestellt, und in Savoyen umschreiben die Grenzen der Gemeinde Massongy im Chablais offensichtlich noch das Gebiet eines römischen Gutshofes mit 10 Aussenhöfen und einem Flächeninhalt von rund 1000 Hektaren, wobei auf jeden Hof rund 100 Hektaren entfallen. Das Grossgrundstück, der Fundus von Seeb, war von einer von Süden nach Norden verlaufenden Nebenstrasse durchzogen. Ihre einstige Trasse dürfte die heutige Landstrasse Kloten–Bülach–Eglisau bezeichnen.



Soviel heute bekannt ist, dürften die ersten Anlagen im Zusammenhang mit der Errichtung des Legionslagers Vindonissa, d.h. im Verlaufe des zweiten Jahrzehnts des 1. Jahrhunderts nach Christi erbaut worden sein. Sie scheinen wie die ersten, von der 13. Legion errichteten Kasernen in Vindonissa aus Holz konstruiert worden zu sein. Der Ausbau mit Hofmauern und Steinbauten aller Art ist erst zu jener Zeit, als die 21. Legion von 45–69 n. Chr. das Legionslager Vindonissa grosszügig in Massivmauerwerk ausgestaltete, erfolgt. Weitere Aus-, vorzüglicher aber Umbauten erfolgten im 2., aber auch noch im 3. Jahrhundert nach Christi.

Das Herrenhaus ist zweifellos der grösste Baukomplex innerhalb des grossen Hofrechteckes von Seeb. Es ist im Laufe der Jahrzehnte des 1. und noch später im 2. und 3. Jahrhundert in Etappen entstanden. Seine Mauern bedecken eine Fläche von rund 85 x 57 m Ausdehnung. Diese eigentliche Villa im heutigen Sinn des Wortes stand auf einer, die Talböden von Bülach (im Norden) und Kloten (im Süden) voneinander trennenden Moräne, von der aus man Richtung Süden bis zum Alpenkranz und gegen Norden hin bis zu den südlichsten Ausläufern des Schwarzwaldes sieht. Um 100 n. Chr. bestand das Herrenhaus aus einem zentralen Trakt mit zweistöckigem Kernbau und ringsum laufendem Portikus, einem möglicherweise ebenfalls zweistöckigen, jedenfalls dem Zentralteil gegenüber weit nach Süden vorgreifenden Ostflügel und einem im Sinne des Geländes mehr nach Norden auskragenden Westflügel. Hier war eine mehrräumige, von einer einzigartigen Heizzentrale aus zu bedienende Badeanlage eingerichtet, von der grosse Mauer- und sonstige Bauteile, vor allem aber auch Fragmente eines Mosaiks sowie ein ganz erhaltener Mosaikboden im Laufe des Jahres 1967 vollends ausgegraben und mit einem Schutzdach ausgerüstet wurden.

Das Herrenhaus stand nicht nur an hervorragender Stelle auf der heute «Römerbuck» geheissenen Moräne, sondern war überdies vom eigentlichen Wirtschaftshof durch eine innere, von der einen zur anderen Längsmauer der weiten Hofummauerung reichenden Mauer abgetrennt. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass der Villenbezirk parkartig ausgestaltet war. In diesem Park nun standen ausser dem Herrenhaus noch ein Badegebäude und zwei grössere Wohnhäuser: Vom freistehenden Badegebäude ist noch soviel erhalten geblieben, dass wir den ganzen Grundriss einwandfrei fassen konnten: ein Aus- und Ankleideraum mit Kaltwasserbadewanne, ein Raum für Lauwarmwasser, ein Warmwasserraum, Fundamente und Heizwasserbereitung und so weiter.

An die innere, den Villenbezirk vom Wirtschaftshof trennende Hofmauer gelehnt, im Gebiet des Villenparks stehend, aber mit Haupteingang vom Wirtschaftshof her, kamen zwei ziemlich symmetrisch auf die Haupt-Längsachse der Gutshofanlage ausgerichtete, gleich grosse und ziemlich gleich konstruierte Wohnhäuser zum Vorschein, die im Grundriss je eine grosse rechteckige Halle, ein zentrales Entrée, links und rechts davon je einen Nebenraum und auf den beiden Schmalseiten je einen Portikus aufweisen. Auf Grund der Fundamentreste von je zwei Pfeilerreihen müssen über den Hallen weitere (Schlaf-) Räume in einem ersten Obergeschoss untergebracht gewesen sein, während die übrigen aufgezählten Räume und Annexe (Portiken) selbstverständlich nur einstöckig ausgeführt waren. Innerhalb des Wirschaftshofes konnten bislang vier weitere Bauten gefasst werden, und zwar je ein Bau in je einer Ecke des Hofrechtecks: Ein zweiräumiges Gebäude D musste leider 1958 dem Kiesabbau geopfert werden; ein Gebäude H konnte ebenfalls wegen der Kiesgewinnung nur anlässlich einer Notgrabung mehr oder weniger untersucht werden.



Ein Brunnenhaus lieferte für den ganzen Gutshof von Seeb das unentbehrliche, köstliche Nass für Mensch und Tier. Jedenfalls kam bis heute trotz intensiver Beobachtung keine Wasserleitung zum Vorschein, obgleich die Voraussetzungen für eine solche ohne weiteres vorhanden wären. Das Brunnenhaus nun war nördlich der inneren Hofmauer, d.h. am südlichen Rande des Wirtschaftshofes, genau in der Mitte zwischen den beiden südlich an die Hofmauer angebauten Wohnhäuser errichtet worden. Soweit wir heute sehen, handelt es sich bei diesem Bau um ein Unikum: Es besteht aus einem rund 3 m tief kellerartig in den anstehenden Boden eingegrabenen und 5,3 m weiten Rundbau mit einem zentralen Sodbrunnen, welcher nochmals 6 m in die Tiefe reicht. Der runde Brunnenraum war über eine mehr als 7 m lange kellerhalsartige Zugangsrampe erreichbar. Gegen diesen einzigen Zugang hin war das Brunnenhaus mit einem Tor verschliessbar. Sowohl der runde Brunnenraum als auch der Korridor mit Rampe waren je mit zwei Lichtschächten ausgerüstet, von denen die Mauerfundamente noch recht hoch erhalten sind. Dass das Brunnenhaus einst tempelartige Bedeutung hatte, bezeugen zwei kleine Nischen im Südostsegment der Rundmauer: Hier dürften einst Quell- oder Wassergottheiten gestanden haben. Vorsorgliche Massnahmen Die Erhaltung des römischen Gutshofes von Seeb ist dadurch garantiert, dass das Kerngebiet mit den Bauresten des Herrenhauses A, des Badegebäudes G, der Wohnhäuser B und E, des Gebäudes C und des Brunnenhauses F durch Kantonsratsbeschluss von 1961 in das Eigentum des Kantons Zürich übergeführt wurde, der in der Folge die Anlage nach und nach der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Bilder dieser sonderbaren Wanderung sind hier zu betrachten.

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